PORTRÄT YVES LETERME, BELGIENS REGIERUNGSCHEF: : "Die Visionen sind unvereinbar"

Yves Leterme gehört zu einer Generation, der das flämisch-wallonische Zusammengehörigkeitsgefühl der Älteren eher fremd ist. Dabei galt der Sohn einer flämischen Mutter und eines wallonischen Vaters in Belgien durchaus als Hoffnungsträger.

Albrecht Meier

Es ist fast genau ein Jahr her, dass Yves Leterme ein Schnitzer passierte, der mehr über Belgien sagt als die politischen Wirren der vergangenen Monate. Die Belgier feierten damals ihren Nationalfeiertag. Da lag es nahe, dass Journalisten den Politiker aus dem Norden des Landes baten, die belgische Nationalhymne anzustimmen. Fälschlicherweise sang Leterme die Marseillaise aus dem Nachbarland Frankreich. Wenn selbst die Politiker die Landeshymne nicht kennen, dann sieht es nicht gut aus mit dem Zusammenhalt in ihrem Nationalstaat – diese böse Ahnung beschlich damals viele Belgier.

Regierungschef Leterme stammt aus Flandern. Er kommt also aus dem Teil des Landes, in dem niederländisch gesprochen wird und der – was für das Dauerzerwürfnis der letzten Monate entscheidender ist – wohlhabender ist als der französischsprachige Süden. Mit seinem Fauxpas am Nationalfeiertag bestätigte Leterme die Befürchtung der Wallonen im Süden, die in ihm in erster Linie einen Interessenvertreter der Flamen sehen. Indirekt hat sich dies nun bestätigt. Zwar hat nicht Leterme selbst aktiv auf das Ende der Koalition im Nationalparlament hingearbeitet. Aber am Ende waren es die flämischen Nationalisten von der Partei NV-A, die seiner Regierung den Garaus gemacht haben. Mit dieser Partei war Leterme ein Wahlbündnis eingegangen.

Der 47-jährige Leterme gehört zu einer Generation, der das flämisch-wallonische Zusammengehörigkeitsgefühl der Älteren eher fremd ist. Dabei galt der Sohn einer flämischen Mutter und eines wallonischen Vaters durchaus als Hoffnungsträger, als seine flämischen Christdemokraten aus der Wahl vor einem Jahr als stärkste Kraft hervorgingen. Doch dann folgten zähe Verhandlungen zwischen den Parteien zur Regierungsbildung, bei denen Leterme zweimal scheiterte. Erst im März gelang es ihm schließlich, eine Fünf- Parteien-Koalition zusammenzubringen.

Vor der Wahl im vergangenen Jahr hatte Leterme noch versprochen, den Regionen mehr politische Macht zu geben – eine Ankündigung, die für viele Wallonen wie eine Drohung wirkte. Seinen Worten ließ er allerdings nie Taten folgen. Ein Kompromiss zwischen Wallonen und Flamen bei der geplanten Staatsreform ließ sich unter seiner Führung nicht aushandeln – zu zögerlich ging Leterme an das belgische Kardinalproblem heran. Albrecht Meier

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