Position : Das Brandenburger Tor gehört zum US-Wahlkampf

Es könnte auch sein, dass US-Präsident Bush Kanzlerin Merkel gebeten hat, einen Auftritt von Barack Obama vor dem Brandenburger Tor zu verhindern. Doch mit einer Stimmungsmache gegen den Auftritt beleidigt Merkel unnötigerweise den Senator und Zehntausende seiner Anhänger, findet Gastautor Norman Birnbaum.

Norman Birnbaum

Die Entscheidung darüber, wer am Brandenburger Tor sprechen darf, fällt die Berliner Stadtverwaltung. Als ich Anfang des Jahres einige Zeit in Berlin verbrachte, war ich davon beeindruckt, auf welch vielfältige Weise dieses historische Monument genutzt wird. Als Wahlberliner, der leider viel Zeit in Washington verbringen muss, halte ich es für eine Frage des Taktes, den Berlinern nicht in diese Entscheidung hineinzureden.

Ich nehme aber einigermaßen überrascht die instinktiv negative Reaktion der Bundeskanzlerin auf den Plan von Senator Obama zur Kenntnis, vor dem Brandenburger Tor eine Rede zu halten. Ihr Pressesprecher ließ verlauten, dass kein deutscher Kanzlerkandidat auch nur daran denken würde, auf der Mall in Washington reden zu wollen. Offenbar geht er fälschlicherweise davon aus, dass die Mall ein heiliger Ort in Amerika sei. Die Mall ist das jedoch ganz und gar nicht. Wir haben durchaus solche heiligen Orte: Es gibt zum Beispiel die Kriegsschauplätze in Concord und Lexington (wir waren damals die „Terroristen“). In Valley Forge verbinden sich sogar deutsche und amerikanische Geschichte: Wären die hessischen Söldner am Weihnachtstag nicht besoffen gewesen, hätte George Washington nie siegen können. Die Independence Hall in Philadelphia ist der Ort, an dem die amerikanische Unabhängigkeitserklärung verkündet wurde. In Gettysburg wurde die Armee der Sklavenhalter zurückgeworfen. Auf dem Arlington-Friedhof begraben wir unsere Helden.

Über allen steht das Weiße Haus: Es ist das bedeutendste amerikanische Monument. Deshalb gilt es als große Ehre, als normaler Bürger dorthin eingeladen zu werden, und deshalb reisen viele Amerikaner Tausende von Kilometern, wenn ihnen das Privileg zukommt, das Weiße Haus zu besuchen. Die Mall ist in Wahrheit kaum mehr als ein nationaler Rummelplatz.

Martin Luther King hat dort zwar seine Rede gehalten, und auch die großen Demonstrationszüge vergangener Zeiten endeten immer dort. Jeder politischen oder gesellschaftlichen Bewegung stand der Ort offen: jener für oder gegen die Abtreibung, für oder gegen die Homosexuellenehe, für oder gegen die wörtliche Auslegung der Bibel als Grundlage unseres politischen Handelns. Ein Papst hat dort gesprochen, und auch eine ganze Reihe Rockstars. Ein deutscher Kanzlerkandidat würde dort vermutlich nicht auftreten wollen, weil er Angst hätte, gar nicht wahrgenommen zu werden.

Einen Besuch im Weißen Haus darf sich ein Kanzlerkandidat im Wahlkampf jedoch nicht entgehen lassen. Angela Merkel war dort, kaum dass sie Parteichefin geworden war. Niemand in Amerika wunderte sich darüber oder fand das unverschämt. Es ist schwer zu verstehen, warum gerade jene Partei, die ständig die gemeinsamen Werte der Deutschen und Amerikaner im Munde führt, sich plötzlich gegen den Auftritt eines Präsidentschaftskandidaten an einem deutschen Monument stellt. Ohnehin sind amerikanische Präsidenten am Brandenburger Tor immer irgendwie im Wahlkampf: für die eigene Wiederwahl oder für den Kandidaten aus ihrer Partei. Das Brandenburger Tor ist längst zu einem vertrauten Rahmen amerikanischer Wahlkämpfe geworden.

Eine Hypothese ist, dass Kanzlerin Merkel, die keine große Kennerin unseres Landes ist, von Präsident Bush überzeugt wurde, dass Senator McCain sein sicherer Nachfolger ist. Bush ist in solchen Sachen nicht besonders förmlich. Er glaubt vermutlich wirklich an McCains Wahl und könnte Merkel gebeten haben, alles zu tun, was sie kann, um dabei mitzuhelfen, McCains jüngeren Gegner zu blamieren. Die Blamage ist jedoch eindeutig ihre: Sie hat unnötigerweise nicht nur den Senator beleidigt, sondern auch Zehntausende seiner Anhänger. Unter ihren Vorgängern verstand das Bundeskanzleramt die Nuancen der Staatskunst. Takt erfordert, erneut, dass wir es ihren Mitbürgern überlassen, mit dieser Veränderung umgehen.

Der Autor ist emeritierter Geschichtsprofessor an der Georgetown-Universität in Washington.

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