Position : Sinkende Löhne sind Gift für die Wirtschaft

Die Gefahr einer Deflation ist nicht gebannt – dann würden alle verlieren.

Dierk Hirschel
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Foto: privat

Weltgeschichtliche Tatsachen ereignen sich immer zweimal. Das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Die aktuelle Krise scheint dies zu bestätigen. Wir durchleben gerade die schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise seit 80 Jahren. Die Weltindustrieproduktion, die Aktienkurse und der Welthandel sind seit April 2008 schneller gefallen als in der großen Depression 1929. Unsere heimische Wirtschaft droht um mehr als fünf Prozent zu schrumpfen. Im Sommer erreicht die Krise den Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen wird stark zunehmen.

Der Druck auf Löhne und Preise steigt. Viele Betriebe könnten nun versuchen, mit Lohnkürzungen die Krise zu managen. Mit fatalen Folgen: Niedrigere Löhne sichern keine Jobs, sondern verschärfen lediglich den Nachfragemangel. Die eingesparten Arbeitskosten von heute sind die leeren Auftragsbücher von morgen.

Wo der Wettbewerb noch funktioniert, führen Lohnkürzungen zu niedrigeren Preisen. Doch bevor die neuen Tiefstpreise den Umsatz ankurbeln können, hat die Konkurrenz bereits nachgezogen. Am Ende verlieren alle. Die kollektive Talfahrt bei Aufträgen, Umsätzen und Produktion setzt sich fort. Löhne und Preise purzeln dann gemeinsam. Die reine betriebswirtschaftliche Logik fährt die Volkswirtschaft gegen die Wand. Die Wirtschaft rutscht in die Deflation.

Eine Deflation ist aber tödliches Gift für die Volkswirtschaft. Wenn die Preise dauerhaft sinken, dann verschieben die Verbraucher ihre Kaufentscheidungen. Schließlich wird zukünftig alles billiger. Der Konsum sinkt und die Unternehmensgewinne fallen. Zudem steigen in der Deflation die realen Zinsen ebenso wie der reale Wert der Schulden. Schuldner werden zahlungsunfähig. Gläubiger kürzen Kreditlinien. Die gedrosselte Kreditversorgung führt zu weniger Investitionen und dämpft den privaten Verbrauch. Am Ende droht eine langjährige Depression.

In der großen Depression fielen die heimischen Großhandelspreise zwischen 1929 und 1933 um ganze 35 Prozent. Die Verbraucherpreise purzelten um fast ein Viertel. Die Tariflöhne der Industriearbeiter stürzten um 21 Prozent ab. Noch steht uns eine solche negative Lohn-Preis-Spirale nicht bevor. Die Gefahren sind jedoch real. In den USA sind die Verbraucherpreise zum ersten Mal seit über 50 Jahren gesunken. Auch hierzulande befinden sich die Preise im Tiefflug.

Dass diese Deflationsgefahren öffentlich kaum diskutiert werden, wirft ein Licht auf den Zustand der ökonomischen Zunft dieses Landes. Lieber wird das Inflationsgespenst heraufbeschworen, gegen Konjunkturpakete gewettert und Lohnverzicht gepredigt.

Ob die Löhne sinken werden, ist noch offen. Die Gewerkschaften halten tarifpolitisch dagegen. Das ist gut so. Eine Garantie gegen fallende Löhne ist das aber leider nicht. Der Einfluss der Gewerkschaften wurde durch die arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Irrwege der letzten Jahre geschwächt. Die Tarifbindung geht zurück. Die prekäre Beschäftigung wächst. Jeder dritte Beschäftigte ist heute befristet angestellt, hat einen Mini-, Midi-, Ein-Euro-Job, oder malocht als Zeitarbeiter. Darüber hinaus macht die Drohung mit Hartz IV die Belegschaften erpressbarer denn je.

Auch deswegen muss die Politik jetzt einen Damm gegen die drohende Deflation bauen. Hierfür braucht es unter anderem Mindestlöhne, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und die staatliche Förderung sozial versicherter Arbeit. Die verschärfte Zumutbarkeit gehört wieder abgeschafft. Bei den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes darf es zu keinen Gehaltskürzungen kommen. Und auch bei öffentlichen Transferleistungen verschärft der Rotstift nur die Krise. All dies würde IG Metall, Verdi & Co. helfen, die Lohnentwicklung auch in schwierigen Zeiten zu stabilisieren. Wenn darüber hinaus die Krise mit aller Kraft konjunktur- und geldpolitisch bekämpft wird, dann bestehen gute Chancen, dass sich die Geschichte diesmal nicht wiederholt.

Der Autor ist Chefökonom des DGB.

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