Position : Wo Pisa schief liegt

Die Aussagekraft internationaler Rankings ist bescheiden, meint Kostas Petropulos, denn moralische Reife oder soziales Engagement werden nicht gefordert.

Ein ermutigender Erfolg der Bildungsreformen“ – so kommentierte Bildungsministerin Annette Schavan die deutschen Ergebnisse der neuesten Pisa-Studie. Kritiker halten ihr und ihren Länderkollegen dagegen das weiterhin mittelmäßige Leistungsniveau deutscher Schüler und die Benachteiligung von Kindern sozial schwacher Familien vor.

Dieser Schlagabtausch wiederholt sich bei jeder der seit 2001 veröffentlichten Pisa-Studien. Keine größeren Kontroversen gibt es dagegen bei der Frage, ob die Pisa-Ergebnisse tatsächlich als Richtschnur für den Umbau des Bildungssystems taugen. Dabei sind hier Zweifel angebracht.

So messen die OECD-Bildungsforscher vor allem die Fähigkeiten der Schüler in den Bereichen Lesen und Naturwissenschaften. Dabei geht es um Kompetenzen, die sowohl die OECD wie auch die Regierungen weltweit für die Basis wirtschaftlichen Wachstums halten. Künstlerische Fähigkeiten in der Musik, der bildenden Kunst oder im Theater spielen dabei genauso wenig eine Rolle wie Fragen des sozialen Engagements oder der moralischen Reife von Kindern und Jugendlichen. Wohin ein völlig verkürzter Bildungsbegriff führt, ist in den Schulen zu beobachten: Die Kinder sollen nicht nur immer schneller durchs Bildungssystem geschleust werden; ihr Unterricht konzentriert sich zunehmend auf die naturwissenschaftlich-sprachlichen Fächer, die als potenziell arbeitsmarkttauglich eingestuft werden.

Musik und Sport werden dagegen nicht nur immer weniger unterrichtet, es sind auch die Fächer, in denen am häufigsten fachfremde Lehrer eingesetzt werden und Schulstunden ausfallen.

Die Pisa-Bildungsstudie ist kein Einzelfall, beim dem sich die Begrenztheit internationaler Rankings zeigt. Die OECD – auftragsgemäß der wirtschaftlichen Zusammenarbeit verpflichtet – liefert weitere Beispiele. So hatte sie kurz vor der Pisa-Studie einen internationalen Vergleich präsentiert, mit dem sich die Organisation kräftig in die deutsche Familienpolitik einmischte. Das nicht ganz taufrische Ergebnis: Eine höhere Geburtenrate bei gleichzeitig niedriger Kinderarmut ist überall dort anzutreffen, wo die Frauen sich stark auf dem Arbeitsmarkt engagieren. Dort gibt es zugleich viele Kinderkrippen und Ganztagsschulen. Der Beifall der Regierung, Parteien und der meisten Medien für dieses Ergebnis war der OECD gewiss.

Der Schönheitsfehler dabei: Die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache. So hat sich die deutsche Geburtenrate schon seit Mitte der 70er Jahre kaum verändert; zugleich ist jedoch die Erwerbsbeteiligung der Frauen rasant angestiegen und übertrifft sogar das französische Niveau. Beim Punkt Kinderarmut sieht es kaum besser aus. Der rapide Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland wird von einem Anstieg der Kinderarmut begleitet.

Der Widerspruch lässt sich einfach erklären. Die OECD-Experten haben bei ihrem Vergleich entscheidende Faktoren unberücksichtigt gelassen. So sind etwa im familienpolitischen Vorzeigeland Schweden die Reallöhne in den letzten zehn Jahren um mehr als 25 Prozent gestiegen; in Frankreich waren es noch zehn Prozent mehr. In Deutschland dagegen sind die Reallöhne um mehr als einen Prozent gesunken.

Diese Fakten dürften den OECD-Fachleuten kaum entgangen sein. Warum sie dennoch nicht auftauchen, liegt wohl an der Lektion, die die OECD Deutschland erteilen will: Kindermangel und Kinderarmut seien letztlich auf fehlende Krippenplätze und Ganztagschulen zurückzuführen. Diese seien die Voraussetzung, damit die Quote der erwerbstätigen Mütter ansteigen könne. Damit ließe sich der Fachkräftemangel bekämpfen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln.

Fazit: Internationale Vergleichsstudien zum Arbeitsmarkt, der Bildungs- oder der Familienpolitik sind als gesellschaftliche Orientierungshilfe in ihrer derzeitigen Form zweifelhaft. In der Regel bleiben wesentliche nationale Unterschiede unberücksichtigt. Das ist kein Zufall. Ziel der Rankings ist es, Wirtschaftsstandorte leistungsfähiger zu machen – wie unsere Gesellschaften lebenswerter zu gestalten sind, steht dabei allerdings nicht auf der Agenda.

Der Autor ist Sprecher des Heidelberger Büros für Familienfragen.

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