POSITIONEN : Ab ins Heim

Pflegebedürftige wünschen sich oft lieber Hilfe für die Unterstützung zu Hause, als Zuschüsse für große Pflegeeinrichtungen. Die Bundesregierung hat für diesen Wunsch jedoch kein offenes Ohr.

Keyvan Dahesch

Lieber daheim als im Heim!“ „Ich muss ins Krankenhaus, was nun?“ Diese Sätze beschreiben zwei bundesweite Kampagnen, mit denen die auf Pflege und Assistenz angewiesenen Menschen monatelang auf Schwierigkeiten in ihrem Leben aufmerksam machten. Verständlicherweise möchte jeder Mensch – und sei er noch so schwer behindert – lieber in den eigenen vier Wänden als in dem besten Pflegeheim leben.

Doch dem damit verbundenen Wunsch, statt Zuschüsse für große Einrichtungen Hilfen für die Unterstützung zu Hause zu beschließen, trägt die Politik nach wie vor kaum Rechnung. So ist bei der von der Union und SPD als einem der wichtigsten Vorhaben dieser Wahlperiode bezeichneten Pflegereform in puncto mehr Selbstbestimmung für die Betroffenen wenig Erfreuliches herausgekommen. Und das, obwohl alle den absoluten Vorrang „Ambulant vor stationär“ als Ziel betonten.

Doch der Wunsch der auf Pflege angewiesenen Frauen und Männer, wie etwa in Schweden als Arbeitgeber ihre Hilfskraft selbst einzustellen, bleibt unerfüllt. Dafür bekommen sie auch künftig weniger als die Hälfte des Betrages, den sie für die Dienste ambulanter Pflegeanbieter als Sachleistung bekämen – zurzeit also nur 665 Euro im Monat, wenn sie als schwerst Pflegebedürftige in Stufe III eingestuft sind und eine eigene Hilfskraft beschäftigen wollen. Entscheiden sie sich aber für einen ambulanten Pflegedienst, zahlt die Pflegekasse 1432 Euro.

Für den Umzug in ein Pflegeheim darf die Pflegeversicherung in sogenannten Härtefällen sogar 1688 Euro pro Monat aufwenden. Was das mit dem Vorrang ambulanter vor stationärer Hilfe zu tun hat, bleibt das Geheimnis der Parlamentarier. Denn für diesen Betrag könnten die auf Pflege angewiesenen Menschen in vielen Fällen eine Helferin oder einen Helfer steuer- und sozialversicherungspflichtig anstellen und in den eigenen vier Wänden bleiben. Dann könnten sie selbst bestimmen, wann und wie sie gepflegt werden möchten. Sie müssten sich nicht nach den Besuchszeiten des Pflegedienstes richten. Dadurch würden auch tausende vollwertige Arbeitsplätze entstehen.

Ebenfalls nicht gelöst haben die Reformer ein Problem, mit dem die auf Pflege angewiesenen Menschen bei einem längeren Krankenhausaufenthalt zu kämpfen haben: gelähmte, gehörlose, blinde oder Menschen mit geistiger Behinderung, die mehrere Wochen im Krankenhaus verbringen müssen, können nicht ihre Pflegekraft mitnehmen. Die Sozialhilfe oder Pflegeversicherung als Kostenträger dürfen die auch in diesen Fällen nötige Hilfe nicht bezahlen. Krankenschwestern und Krankenpfleger können die bei diesen Menschen behinderungsbedingt anfallenden zusätzlichen Hilfen nicht leisten.

So müssen etwa blinde Menschen lange warten, bis ihnen jemand den Weg zur Toilette zeigt und sie zu den Untersuchungen begleitet. Gehörlosen kann niemand die ärztlichen Anweisungen in Gebärdensprache vermitteln. Menschen mit geistiger Behinderung verstehen oft nicht, was sie tun sollen. Und wer sich wegen Lähmung nicht bewegen kann, wird über längere Zeit im Bett nicht umgedreht.

Zwar haben Klinikärzte die Möglichkeit, bei schwerbehinderten Patienten aus medizinischen Gründen die Notwendigkeit einer Hilfskraft festzustellen. Von dieser Möglichkeit machen nach Recherchen der Selbsthilfeverbände aber kaum Ärzte Gebrauch. „Das liegt nicht an fehlendem Willen, sondern daran, dass wir das Geld aus unserem Pflegesatz bezahlen müssen“, betonen die Mediziner und weisen Einwände zurück.

Trotz der überzeugenden Argumente scheiterte die Bundesbehindertenbeauftragte Karin Evers-Meyer, bei der Pflegereform die Misere zu beseitigen. Es sind wohl noch viele Kampagnen erforderlich, damit sich die Situation zum Positiven wendet. Bis dahin bleiben pflegebedürftige Menschen auch nach der von der großen Koalition als gelungenes Werk gepriesenen Reform zu Hause und im Krankenhaus hilflos.

Der Autor, selbst erblindet, ist Publizist und lebt in Frankfurt.

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