POSITIONEN : Abzocker in Nadelstreifen

Eine Reform der Managerbezüge ist überfällig.

Unsere Wirtschaftselite steht wieder einmal am Pranger. Explodierende Gehälter, goldene Handschläge und Fallschirme ramponierten ihr Image. Ehemals geachtete Konzernlenker gelten heute als gierige Abzocker in Nadelstreifen.

In weniger als fünf Jahren steigerten die Chefs der Dax-Konzerne ihr Salär um knapp 50 Prozent. Für die Leitung eines Börsenschwergewichts gibt es heute durchschnittlich 4,3 Millionen Euro im Jahr. Die Spanne reicht von Michael Frenzel (zwei Millionen) bis Josef Ackermann (13 Millionen Euro). Vor 20 Jahren verdiente ein Dax-Vorstand das 14-fache eines einfachen Mitarbeiters. Heute ist es das 44-fache. Die durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter bewegen sich hingegen seit Mitte der 90er Jahre im Schneckentempo. Nur in Österreich und Japan fiel der Lohnzuwachs noch geringer aus. Diese sich öffnende Einkommensschere sorgt für wachsenden Unmut.

Denn das Gehaltsgefälle zwischen Topmanagern und einfachen Arbeitnehmern erklärt sich nicht aus individuellen Leistungsunterschieden. Auch ein Spitzenmanager kann nicht 40 Mal so viel arbeiten, eine 40 Mal höhere Verantwortung tragen, oder 40 Mal besser qualifiziert sein als eine Krankenschwester. Zudem ist der Unternehmenserfolg niemals das alleinige Werk eines Wirtschaftskapitäns, sondern stets das Gemeinschaftsprodukt von Management und Mitarbeitern. Deswegen werden die Spitzengehälter auch mit dem Wettbewerb um die besten Köpfe begründet. Auf dem globalen Arbeitsmarkt sind gute Manager angeblich rar und teuer. Dumm ist nur, dass es hierzulande keinen internationalen Arbeitsmarkt für Führungskräfte gibt. 98 Prozent der deutschen Topmanager kommen aus dem deutschsprachigen Raum. In den Chefsesseln angelsächsischer Firmen sitzt kaum eine deutsche Führungskraft. Die Abschottung funktioniert aber nicht nur über den Kulturraum, sondern auch nach sozialer Herkunft. Vier von fünf Managern der 100 größten Unternehmen stammen aus den oberen drei Prozent der Bevölkerung. Klaus Kleinfeld und Jürgen Schrempp sind die Ausnahmen von der Regel. Das deutsche Topmanagement steht nicht im Wettbewerb. In neofeudaler Manier werden Privilegien verteidigt.

Doch damit nicht genug. Die Auflösung der Deutschland AG verstärkte in vielen Vorstandsetagen die Selbstbedienungsmentalität. Die neue Eigentümervielfalt – weniger Mehrheitsaktionäre – schwächte die direkte Kontrolle des Managements. Neue kapitalmarktorientierte Vergütungssysteme – Aktienpakete, Aktienoptionen – ließen die Gehälter explodieren und entkoppelten Vergütung und Unternehmenserfolg. Schließlich wird der Aktienkurs nur zu 30 Prozent durch die Firmenperformance bestimmt. Der Rest ist Konjunktur und Marktpsychologie. Faktoren, die das Management nicht beeinflusst. Folglich ist die Vergütung aus Aktien häufig leistungsloses Einkommen. So erzielte Ex-Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp zwischen 1998 und 2005 über 3,3 Millionen Euro aus Aktienoptionen. Gleichzeitig vernichtete er Milliarden Euro und beschädigte die Kernmarke Mercedes. Leider kein Einzelfall.

Genau hier sollte eine Reform der Managerbezüge anzusetzen. Die variablen Gehaltsbestandteile sollten sich zukünftig nicht am Aktienkurs, sondern an nachhaltigen Erfolgskriterien – Umsatz, Marktanteile, Beschäftigung, Investitionen, Ressourceneffizienz, Arbeitsbedingungen – orientieren. Dieser variable Einkommensanteil kann dann bis zu 40 Prozent der Gesamtvergütung umfassen. Über Struktur und Höhe der Vergütung sollten weiterhin die Aufsichtsräte entscheiden. Ein Unternehmen ist eine öffentliche Einrichtung. Die Aktionärshauptversammlung repräsentiert aber nur die Eigentümer. Allerdings sollte im gesamten Aufsichtsrat abgestimmt werden und nicht in ausgelagerten Ausschüssen. Zudem sollten Abfindungen nicht mehr unbegrenzt steuerlich absetzbar sein. Eine solche Neuregelung der Managergehälter schließt nicht die Gerechtigkeitslücke. Sie trägt aber dazu bei, den „fat cats“ unter den Führungskräften auf die Pfoten zu klopfen, um somit zukünftige Exzesse zu verhindern.

Der Autor ist Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

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