POSITIONEN : Bernard Madoff und die Juden

Bernard Madoff hat weltweit Menschen betrogen, Juden und Nicht-Juden. Michael Wolffsohn erklärt, warum ein Betrüger wie Madoff somit auf der „Höhe“ seiner Zeit ist.

Michael Wolffsohn
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Foto: dpa

Der Fall des Mega-Betrügers Bernhard Madoff beschäftigt vor allem Bosse, Börsianer und andere Verlierer der großen Finanzkrise. Dass Madoff Jude ist, muss niemanden aufregen, denn natürlich gibt es auch bei Juden schwarze Schafe. Dennoch deckt der Fall Madoff fundamentale Veränderungen in der jüdischen Welt auf, in Israel ebenso wie in der Diaspora. Er verdeutlicht die Atomisierung und Entsolidarisierung der jüdischen Welt.

Madoff hat weltweit viele Menschen, Juden und Nicht-Juden, betrogen und ihr Vermögen zerstört. Unübersehbar hoch ist aber der Anteil seiner jüdischen „Kunden“, also der betrogenen und um ihr Vermögen gebrachten Juden. Zu den bekanntesten zählen der Filmproduzent Steven Spielberg und Friedensnobelpreisträger Eli Wiesel sowie zahlreiche diasporajüdische und israelische Organisationen oder Stiftungen. Das ist kein Zufall. Dass so viele Juden dem Juden Madoff vertraut hatten, war Teil des traditionellen „Jüdischen Systems“: Juden kamen zu Juden, weil Juden einander vertrauten. Dieses Urvertrauen war schon in Antike und Mittelalter Grundstein des so überaus erfolgreichen „jüdischen Nah- und Fernhandels“. Wohin auch immer ein jüdischer Händler kam, bei anderen jüdischen Händlern fand er Rat und Tat und Hilfe.

Die jeweilige Synagoge (stets zugleich Gebets- und Marktplatz) oder die jüdische Gemeinde garantierte Zuverlässigkeit und Zusammenhalt. Hier konnte sich jeder auf jeden verlassen. Angesichts ihrer allgegenwärtigen Verfolger wären die Juden sonst verloren gewesen und wirtschaftlich untergegangen. Solidarität war für sie (über)lebenswichtig. Dieses „System“ ist nicht „typisch jüdisch“, sondern für jede verfolgte Minderheit charakteristisch. Man kennt es beispielsweise auch von Auslandschinesen und -arabern.

Es ist daher kein Zufall, sondern „systemimmanent“, dass zum jüdischen Vermögensberater Madoff viele vermögende Juden kamen. Sie folgten einem uralten, bewährten und rechtlich einwandfreien Muster. Solidarität war rund zwei Jahrtausende nach der Zerstörung des jüdischen Gemeinwesens in Judäa (70 n. Chr.) trotz heftiger interner Gegensätze eines der „typisch jüdischen“ Kennzeichen. Madoff hat das System gebrochen.

Auch das ist kein Zufall, denn es ist inzwischen anachronistisch. Zumindest in den USA und anderen Teilen der Freien Welt ist die Bevölkerung (mehrheitlich) nicht mehr judenfeindlich. Um überleben und gut leben zu können, brauchen Juden nicht mehr nur Juden, und in Israel ist, so der köstlich boshafte Wiener „Kabarettist“ Georg Kreisler, sogar der „Antisemitismus eine innerjüdische Angelegenheit“. Außerdem war nicht jeder inkompetente Vermögensberater, ob jüdisch oder nicht, ein Betrüger à la Madoff.

In der Freien Welt kann heute jeder jedem vertrauen – oder auch jeder jeden betrügen. Die Spielbergs und Wiesels dagegen dachten und handelten wie in der Alten Welt. Das kann man besonders bei Eli Wiesel bestens verstehen, denn in Auschwitz hatte er ihre Hölle durchlitten.

Andere Juden haben ihr Denken und Handeln dem welthistorisch neuen, post-antisemitischen Zustand angepasst; nicht zuletzt Madoff. Das auf den scheinbar ewigen Antisemitismus zugeschnittene alte jüdische (Überlebens)System ist – durch eigentlich erfreuliche Veränderungen – zerbrochen. Gebrochen hat es nicht Madoff. In der neuen, prinzipiell, nicht vollständig post-antisemitischen Welt dachten und handelten die Spielbergs und Wiesels reflexartig. Der Betrüger Madoff ist kein feiner Mann, aber auf der „Höhe“ seiner Zeit. Auch sie hat ihre Unmoral. Weniger Antisemitismus bietet eine bessere, aber keine reine, heile, feine Welt.

Der Autor ist Historiker. Kürzlich erschien im Piper-Verlag sein Buch „Deutschland, jüdisch Heimatland. Die Geschichte der deutschen Juden vom Kaiserreich bis heute“.

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