Meinung : Positionen: Bush, bin Laden und andere Charismatiker

Norbert Seitz

Die verführerischen Medien sind wieder einmal auf der Suche nach neuen Helden. Mit hohen Zustimmungswerten konnte US-Präsident Bush sein Startimage als hölzerner Polarisierer einstweilen los werden. Tony Blair sehen manche schon auf den Spuren des legendären Churchill wandeln. Noch verstiegener erscheint dagegen die Vorstellung mancher wohlwollender Kommentatoren, der geläuterte Bush jr. sei gar auf dem besten Wege, sich das fehlende Charisma im langen weltweiten Kampf gegen den Terrorismus noch zu besorgen.

Mit kaum einer anderen politischen Kategorie treibt die Mediengesellschaft soviel Schindluder wie mit der des Charismas. Allzu schnell wird es jemandem zugeschrieben. In der Sport- und Medienwelt gleicht es einem Ehrentitel. Von Boris Becker über Henry Maske bis Marcel Reich-Ranicki - ein Charismatiker nach dem anderen. Sogar Verona Feldbusch wurde es nach dem heißen TV-Duell mit der Alt-Feministin Alice Schwarzer attestiert.

Auch in der Politik ist man schnell dabei, einen lächelnden Händeschüttler mit Ausdauer schon für charismaverdächtig zu halten. Selbst Frank Steffel, dem gescheiterten Berliner Spitzenkandidaten der CDU, wurde es zu Beginn des Wahlkampfs von seinem Förderer Rüdiger Landowsky bescheinigt. Und nach dem Machtwechsel bei der Hamburger Bürgerschaftswahl hieß es: Schill besitze das Charisma, an dem es Ortwin Runde gemangelt habe. Häufig geraten aber nicht nur die Prozente eines Senkrechtstarters, sondern auch das Sitzfleisch eines Alteingesessenen in jene Reputationszone. So beim jüngst wiedergewählten Hannoveraner Ewig-OB Herbert Schmalstieg, dem immer noch mehr davon bescheinigt wurde als seiner erneut unterlegenen Widersacherin.

Vom Mangel an Charisma ist logischerweise öfter in der Politik die Rede. Jeder, der verliert, bekommt das zu hören. Dabei wird häufig so getan, als ob sich Charisma managen ließe. Gleichsam im intelligenten Zusammenspiel zwischen Visagisten und Redenschreibern, Körpersprachtherapeuten und Werbestrategen.

Warum aber hält die demokratische Öffentlichkeit ständig Ausschau nach Charismatikern? Stecken dahinter geschönte Führersehnsüchte, gar die Neugier auf Abenteuer? Die Lust nach außergewöhnlichen Führern in der Politik erscheint wie eine mediale Flucht aus der langweiligen Routine und Prozesshaftigkeit des demokratischen Alltags.

Man darf wohl zugunsten der meisten Verwender dieses Begriffs annehmen, dass sie dessen ursprüngliche Bedeutung nicht kennen und mit Charisma verwechseln, was andere mit Flair, persönlicher Ausstrahlung, Stil und Führung umschreiben würden.

Der Begriff Charisma hat in der Herrschaftssoziologie Max Webers einen zentralen Stellenwert und bezieht sich auf magische Fähigkeiten, Offenbarungen oder das Heroentum eines Führers. Reinste Typen des charismatischen Herrschers sind danach Propheten, Schamanen, Kriegshelden oder große Demagogen. Also Figuren, die man in rational organisierten Demokratien eher missen möchte.

So bitter es auch sein mag, aber vermutlich trifft Webers Typisierung des Charismatikers am ehesten auf Osama bin Laden denn auf irgend einen Regenten aus der gegnerischen Weltgemeinschaft zu.

Demokratische Führer leiden eher unter dem Charismaverdacht, wie der Historiker Gregor Schöllgen in seiner gerade erschienenen Brandt-Biografie deutlich macht. Der SPD-Kanzler ist in den frühen 70er Jahren weder mit dem hohen politischen Erwartungsdruck noch mit den enormen emotionalen Zuwendungen seiner Anhänger fertig geworden. Charismatische Erwartungen lassen sich in einer trivialen demokratischen Welt zwischen Arbeitslosenziffern und Vermittlungsausschüssen kaum realisieren. Die zeitliche Distanz vom "Hosiannah" zum "Kreuziget ihn!" dauert meist weniger als eine halbe Legislaturperiode - siehe Brandts rasanter Absturz nach seinem historischen Wahlsieg 1972.

Nur tröstlich zu wissen, dass Kriege in Demokratien aus langweiligen Siegern noch lange keine Charismatiker machen. Zudem garantieren Erfolge auf dem Schlachtfeld keine automatischen Wahlsiege. Denken wir nur an den Kriegshelden Winston Churchill, der 1945 die Unterhauswahlen verlor, oder an Bush senior, der trotz aller Konfettiparaden nach dem Golfkrieg im Duell gegen einen Vietnam-Kriegsdienstverweigerer unterlag. Noch immer gilt John Le Carrés trostlose Feststellung, wonach die Welt im ganzen sicherer sei, wenn sie von mittelmäßigen Gestalten regiert werde.

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