Meinung : Positionen: Das Jimmy Carter Syndrom

Norbert Seitz

Liebe ist, Schwäche zu zeigen, ohne Stärke zu provozieren, heißt es beim Philosophen Adorno. Der alte Adenauer hätte es sicher anders formuliert: Schwäche ist, Stärke zu mimen, ohne auf Gegenliebe zu stoßen.

Es ist das alte Lied: Wenn ein Politiker fest entschlossen ist, gegen das lästige Image von Schwäche zu Felde zu ziehen, müssen die Institutionen meist in Deckung gehen. Unberechenbarkeit und Instabilität, Verärgerung oder sogar Spott sind oft die Folge. Fairerweise sei angemerkt, dass es natürlich auch starke Charaktere gibt, die unter dem Druck der Verhältnisse zu schwachen Figuren werden.

So musste sich die CDU-Vorsitzende Angela Merkel von Anfang an gegen zwei Schwächevermutungen zur Wehr setzen: Sie könne sich in der Schlangengrube des rachelüsternen Kohl nicht behaupten. Und sie neige möglicherweise dazu, im Kampf gegen die bayerischen Zweifel, nur eine "weichgespülte Konservative" oder gar "linke Ossi-Tussi" zu sein, über das Ziel hinaus zu schießen.

Doch deren Image der Schwäche war anfangs keineswegs ausgemacht. Im Gegenteil: Der FAZ-Text gegen Kohl, ihr Versuch, an Schäubles sozial sensible Neupositionierung anzuknüpfen, ihre Kooperationsbereitschaft gegenüber der Regierung wie der forsche Austausch des Generalsekretärs brachten ihr zunächst achtbare Haltungsnoten ein. Der Eindruck wurde indes empfindlich getrübt durch das Sommerdebakel um die Steuerreform, die Assistenz bei Kohls geschichtspolitischem Herbstmanöver und die polemische Winterserie - von der "Leitkultur" bis zum Fahndungsplakat.

Die Union hat nunmehr binnen eines halben Jahres mehr grobschlächtige Propaganda produziert als eine ganze Generation hart gesottener CSU-Generalsekretäre unter Strauß zusammengenommen. Doch Angela Merkel schaffte mit dieser Kampagnenpolitik nicht den gewünschten Motivationseffekt unter ihren politischen Freunden.

Deshalb ist auch schon ein wenig mitleidig vom Jimmy-Carter-Syndrom in der Union die Rede, in Erinnerung an jenen unglücklich agierenden US-Präsidenten, der die Welt mehrfach den Atem anhalten ließ, um das Image des Schwächlings loszuwerden. So wollte der friedliebende Demokrat gegebenenfalls den Nahen Osten mit 100 000 Mann stürmen, drohte mit der Neutronenbombe und ließ die Olympischen Spiele in Moskau boykottieren. Und als im Jahr nach seiner Abwahl das Kriegsrecht in Polen ausgerufen wurde, spotteten nicht wenige, wie friedenserhaltend es sei, den finsteren Reaktionär Reagan im Weißen Haus zu wissen. Denn dem pazifistischen Vorgänger von der Erdnussfarm wäre vielleicht ein Weltkrieg unterlaufen.

Die Reihe jener prominenten Schwächlinge in der Politik, die Stärke demonstrierend Schlimmes bewirken sollten, reicht in der Ahnengalerie des 20. Jahrhunderts von Hindenburg über Chamberlain bis Grotewohl.

Wer als entscheidungsschwach gilt, neigt oft dazu, dezisionistisch überzureagieren. Komplementär zur Ostpolitik ließ sich zum Beispiel Friedenskanzler Willy Brandt auf den Radikalenerlass ein, um jeden Anfangsverdacht nachlassender Distanz gegenüber Kommunisten zu tilgen. Das Resultat war kontraproduktiv: Denn weder wurde er beim politischen Gegner das Image des Zauderers los, noch brachten die politischen Freunde Verständnis für den Radikalenerlass auf.

Angela Merkel muss aufpassen, nicht in die Rolle des unglücklichen Peter Hintze zu geraten, jenes letzten Generalsekretärs von Kohls Gnaden, der auch nach der x-ten Rote-Socken-Kampagne nicht mit einer starken Figur verwechselt wurde. Stark ist anders.

Hinzu kommt ein biografisches Problem, das Alt-Präsident von Weizsäcker nach dem peinlichen Streit um die Verdienste an der deutschen Einheit auf den Punkt brachte: Die deutsche Vereinigung habe "unter Bevölkerungsgruppen stattgefunden, die mit vollkommen verschiedenen Geschichtsbildern aufgewachsen" seien: "Deshalb kommt es auch vor, dass teilweise aus Unkenntnis der früheren Parteienkonflikte in der aktuellen politischen Auseinandersetzung zu alten wahlkampfpolitischen Kampfkeulen gegriffen wird."

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