POSITIONEN : Das Recht auf die eigene Geschichte

Guido Westerwelle contra Erika Steinbach: ein entlarvender Streit.

Ina Weisse

Nicht überall wo Versöhnung draufsteht, ist auch Versöhnung drin. Am 2. Januar 1945 floh meine Mutter aus Lodz. Sie war noch ein Kind, ihr Elternhaus hat sie nie mehr wiedergesehen. Alles, was sie liebte, musste zurückbleiben. Dafür schleppte sie fortan in ihrem Gepäck eine unstillbare Sehnsucht nach der Heimat in Polen mit sich herum. Auch wenn sie alles verloren hatte, wenigstens die Erinnerungen an früher konnte ihr niemand nehmen. Dazu musste erst Außenminister Guido Westerwelle kommen, der sich nicht weniger anmaßt, als mit der Zusammensetzung des Beirates der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung auch die Form des Gedenkens zu kontrollieren.

Wer über die Erinnerung gebietet, hält auch die Zukunft in der Hand. Westerwelles Sentenz: „Wir wollen vor allem in die Zukunft sehen und versöhnen“, hat deutlich gemacht, worum es ihm im Streit um Erika Steinbach eigentlich geht. Vor allem um sich selbst. Oder warum sonst eilte er kaum im Amt als Erstes nach Polen. Obwohl kein offener Streitfall vorlag, drängte er Präsident Kaczynski einen Verzicht Steinbachs förmlich auf. Ganz offensichtlich wollte hier ein Politiker auf den Spuren von Brandt bis Scheel vom Mythos der deutschen Ostpolitik profitieren. „Versöhnung“ ist dabei die große geschichtsträchtige Geste, die Westerwelle sucht. Doch diese kann nur überzeugen, wenn die streitenden Parteien auch tatsächlich auf etwas verzichten müssen. Als geradezu unmoralisch muss dagegen ein Vorgehen bezeichnet werden, das sich einer lästigen Funktionsträgerin entledigen möchte und das auch noch als einen Akt der Versöhnung deklariert.

Was macht die streitbare Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen eigentlich zu einer derartigen Reizfigur? Groß und blond wie sie nun mal ist, ist ihr Part im Polittheater die Revanchistin zu geben, an der sich alle abarbeiten. So braucht sich keiner aus seiner Position zu bewegen. Die Grünen allen voran Claudia Roth, die sonst jeden Flüchtling von Herzen begrüßen, dürfen auf dem scheinprogressiven Denkverbot beharren, das da lautet: Die Anerkennung der Vertriebenen und das Eingeständnis deutscher Schuld schließen sich per se aus. Die Konservativen wie Frau Merkel können ihren Einsatz für die Vertriebenen weiter vertagen. Der Liberale Westerwelle, der so oft vom „Wohl des Landes“ spricht, als ob er den Vorwurf fürchte, er sei doch nur seine eigene Ich-AG, hat sich mit der öffentlichen Demütigung von Steinbach wahrscheinlich übernommen.

Nun sind die Fronten verhärtet und wo sich Westerwelle vielleicht ein leichtes Spiel erhoffte, könnte er am Ende gezwungen sein, von seinem Vetorecht tatsächlich Gebrauch zu machen. Ob er nun einlenkt oder auf seiner Position beharrt, in seiner Glaubwürdigkeit beschädigt ist er allemal. Eines ist jedenfalls klar: In puncto Versöhnung braucht man sich von diesem Außenminister nichts zu erwarten, so sehr er diesen Begriff auch vor sich her trägt. 65 Jahre nach Kriegsende, nach Mauerfall und Perestroika wäre es nun aber langsam an der Zeit, dass auch die letzte große Opfergruppe des Weltkrieges, die Vertriebenen, ihre Anerkennung findet. Dabei geht es schon lange nicht mehr um die enteigneten Gebiete, sondern um das Recht auf die eigene Geschichte. Gerade erst feierten wir zusammen mit Herta Müller den Literaturnobelpreis für ein Werk, dem wir die Entdeckung eines untergegangenen Kontinents verdanken, die versunkene Welt der Deutschen im Osten. Das sogenannte Vertriebenenzentrum in Berlin wäre ein Anfang zur Verständigung gewesen. Doch das alte Misstrauen der Vertriebenen hat sich ein weiteres Mal bestätigt. Ob Vertreiberstaat oder nicht betroffene Deutsche – mit dem Schicksal von zwölf Millionen Flüchtlingen haben noch immer alle das gleiche Problem. Sie möchten es am liebsten vergessen.

Die Autorin ist freie Journalistin. Gerade hat sie ihre Familiengeschichte aufgeschrieben: „Die Töchter der Weber. Geschichte einer glanzvollen Familie“ (Goldmann).

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