POSITIONEN : Das Schlechte lag so nah

Krieg ums Kosovo: Den wollten Deutschland, die EU und die UN-Mehrheit verhindern. Doch den werden sie erreichen, weil ihre vermeintliche Konfliktlösung den Krieg bringen muss. Die Unabhängigkeit des Kosovo ist nicht das Happy End des Konfliktes, sondern der Anfang einer Eskalation. Warum? Darum:

Michael Wolffsohn

Rund zehn Prozent der Kosovaren sind Serben. Seit rund 600 Jahren haben sie die Kosovaren unterdrückt. Nach der Unabhängigkeit Kosovos werden diese sich rächen. Sie meinen: „Jetzt sind wir dran.“ Wie will die meist wortreiche und tatenarme „internationale Gemeinschaft“ das verhindern?

Die Kosovo-Serben werden sich wehren. Wird Serbien dabei nur zuschauen? Zweifel sind erst recht erlaubt, wenn ein Serben-Exodus nach Serbien beginnen sollte, denn selbst, wenn Serbien die Flüchtlinge aufnehmen will, kann es das kaum schaffen. Neuankömmlinge sind selten beliebt, besonders wenn sie den ohnehin kleinen Kuchen mitessen wollen, ja, müssen, um zu überleben.

Wird jener Auszug aus dem Kosovo friedlich verlaufen oder eine „ethnische Säuberung“ sein? Selbst bei oberflächlicher Kenntnis der Balkangeschichte bedarf es wenig Fantasie, um die Frage zu beantworten. Das Kosovo ist albanisch. Einen Staat Albanien gibt es längst. Nun haben wir also zwei „Albanien“. Die entstehende Dynamik liegt auf der Hand: „Wiedervereinigung“ wird das Ziel. Wer wird das vereinigte Albanien führen? Albanisch-Albanien oder Kosovo-Albanien? Nationale und religiöse Gemeinsamkeiten lösen keine Machtfrage auf. Wenn die Weltgemeinschaft das unabhängige Kosovo stärkt, was notwendig ist und was sie will, wird sie ungewollt Kosovo in einen gesamtalbanischen Machtfaktor verwandeln. Wird Albanisch-Albanien das einfach so hinnehmen? Angesichts der gesamtalbanischen Gewalttradition ist das unwahrscheinlich, zumal das Austragen von Konflikten außerhalb der Institutionen (Parlament) und nicht innerhalb der Institutionen der Tradition entspricht.

Ein Doppelalbanien verändert die Kräftekonstellationen auf dem gesamten Balkan. Erst recht, wenn die „Weltgemeinschaft“ beiden Albanien massiv hilft und Serbien vernachlässigt. Und Serbien wird vernachlässigt, weil es sich der Kosovounabhängigkeit widersetzt. Die Katze dreht sich um den eigenen Schwanz.

Nicht genug der Drehungen, denn rund 40 Prozent der Staatsbürger Mazedoniens sind ebenfalls Albaner. Längst wollen sie „los von Mazedonien“. Wollen sie dann zu Kosovo-Albanien oder zu Albanisch-Albanien oder zu Großalbanien? Oder werden sie durch ihren Beitritt den einen oder anderen Teil von Doppelalbanien als Dritter und Zünglein an der Waage zum Dominanzfaktor Großalbanien küren? Konfliktfrei küren? Nein. Gewaltfrei? Zweifel sind erlaubt.

Seit Jahren bemüht sich die „Internationale Gemeinschaft“ um Konfliklösungen auf dem Balkan. Ihren vermeintlich besten und hellsten Diplomaten und Politikern fiel nichts anderes ein als die Anwendung des Nationalstaatkonzeptes. Dieses Konzept ließ und lässt sich auf den nationalen und religiösen Flickenteppich Balkan nicht anwenden.

Eine Mumie wurde scheinbar wiederbelebt. Doch sie ist tot. Tote Gedanken sind weniger dramatisch als Tausende toter Menschen. Unverzeihlich ist deren Tod, wenn er durch gutmeinende, aber nicht zu Ende denkende Menschen ausgelöst wurde. Durch Menschen, die auf ausgetrampelten Gedankenpfaden (Nationalstaat) wandeln und nichts Neues (Staatenbünde) wagen. Wir brauchen eine zweite Aufklärung. Vielleicht schafft diese, was die erste trotz Kants himmlischer Formel nicht vermochte: dass Menschen „den Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen“.

Der Autor lehrt Neuere Geschichte an der Bundeswehr-Universität München.

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