Meinung : Positionen: Das schwarze Loch der Zivilisation

Bernd Rheinberg

Für das Böse hat unsere Weltanschauung einen blinden Fleck. Dafür aber ein Herz, wenn Reichtum und Macht attackiert werden. Gerne neigen wir zu dem Glauben, die gesamte Welt wäre empfänglich für unsere Verkehrsformen und ließe sich mit unserem gängigen Instrumentarium aus Diskussionen und Kompromissen zum ewigen Frieden überreden; es müssten vor allem und sofort ein paar Geldströme umgelenkt werden und jeder Brandherd aus Zorn und Verzweiflung wäre sogleich gelöscht; so ließen sich Fanatismus und Rassismus aus den Herzen und Köpfen der Menschen verjagen.

Dieser Glaube ist wirksam bis in den Resozialisierungsgedanken hinein, der noch jeden menschlichen Abgrund, jede Bestialität für therapierbar hält. Dieses Bemühen, das in jenem säkularen Glauben seinen unerschütterlichen Fels besitzt, ist ehrbar - und doch gefährlich. Es deutet auf eine Schwächung unserer Instinkte - allerdings nicht so sehr als von Nietzsche beschriebene Folge christlicher Moralvorstellungen, sondern vielmehr als Resultat der selbst gewählten und blinden Unterwerfung unter die Herrschaft der Vernunft. Daher wohl auch die Weigerung, das Böse in der Welt als Antipoden zu erkennen, als Antipoden - nicht des Guten, sondern jeder Zivilisation. Auch das wäre ein Fehler: wenn man die Zivilisation schon als den Hort des Guten ansehen würde. Und auch die Demokratie ist nicht per se dieses Reich Gottes auf Erden - das wäre sie, wenn Autorität, Herrschaft, Wohlwollen und Güte in ihr eins wären.

Gerade im Disput mit Ostdeutschen lässt sich immer noch die Enttäuschung darüber spüren, dass es selbst im "goldenen Westen" Betrug und Ungerechtigkeit gibt. Nach den Erfahrungen mit der kommunistischen Diktatur ist diese trügerische Hoffnung verständlich, die aus der Enttäuschung erklärbare DDR-Nostalgie aber ein ärgerliches Hindernis für Gedeih und Wirken von Einigkeit und Recht und Freiheit.

Wenn die Menschen Engel wären, bräuchte es überhaupt keine Regierung. Die Väter der modernen Demokratien wussten, dass man wegen der menschlichen Unvollkommenheit die Regierungen selbst kontrollieren muss. Sie erfanden die Gewaltenteilung. Sie erkannten, dass die Menschen unverfügbare Rechte besitzen, die sie vor staatlicher Willkür und den Ansprüchen der Mehrheit schützen. Sie gaben ihnen die Freiheit, sich selbst zu entfalten und sich zu unterscheiden vom Nächsten. Sie entwickelten Verfahren und Institutionen, die unseren Geschäftsverkehr regeln und Konflikte - so weit es geht - gewaltfrei lösen. Der moderne demokratische Verfassungsstaat kann unsere Leidenschaften bändigen, aber er kann (und will) sie nicht aus der Welt schaffen. Er kann auch weder moralisches Versagen seiner Repräsentanten verhindern, noch den rücksichtslosen Egoismus einzelner oder die Gefahren beschleunigten Fortschritts.

Aber er gibt uns die Möglichkeiten zur Korrektur von Fehlern. In unserer Verfasstheit hat das Rettende einen Platz. Ob deshalb aber die Geschichte gut ausgeht, das wissen wir nicht. Es ist der Triumph des Bösen, dass es geleugnet oder als wirkliche Bedrohung nicht ernst genommen wird - und dass man seinen Worten und Taten einen plausiblen, einen bedenkenswerten Kern zugesteht. So wie in den Wochen seit dem 11. September, als die amerikanische Politik mit wütenden und beharrlichen Anklagen konfrontiert wurde.

Diese Anklagen waren erstaunlich, weil sie im Gestus des Neuen daherkamen, obwohl ihre Inhalte altbekannt waren. Denn Fehler amerikanischer Regierungen sind den Medien, Nichtregierungsorganisationen, Politikern und Intellektuellen nur selten entgangen - schließlich funktioniert unsere kritische Öffentlichkeit weitgehend, und sie wird auch weiterhin funktionieren. Bedenklich sind jedoch der Zeitpunkt und der Zusammenhang. Deutlich wird durch diese Anklagen und die Behauptung, die amerikanische oder die westliche Politik hätten diese Terrorakte provoziert oder erst möglich gemacht, dass hier ein klammheimliches bis offenes Verständnis für die Drahtzieher des Terrorismus vorliegt.

Jene Ankläger sind damit nicht nur der Propaganda von Terroristen auf den Leim gegangen, sondern auch ihrem eigenen Glauben an die Allmacht der Politik, die Allwirksamkeit der ökonomischen Basis, ihren antiamerikanischen Ressentiments und dem Glauben an eine vermeintliche Vernunft des Bösen. Das Böse hat nichts zu verlieren. Es ist nicht mittelalterlich, nicht religiös, nicht vernünftig. Das Böse ist immer aktuell - und schwer zu fassen. Es kann charmant sein und den Märtyrertod als heiligste Kommunion predigen. Es kann asketisch leben und im Handeln kein Maß kennen. Es kann leise sprechen und den Fanatismus nähren. Wir müssen mit ihm rechnen.

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