Meinung : Positionen: Der Hass lässt sich nicht verbieten

Rafael Seligmann

Die "Großdemonstration gegen Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, für Menschlichkeit und Toleranz" ist vorbei. War sie groß? Die Zahl der Teilnehmer war erheblich. Knapp 300 000 Menschen gingen auf die Straße. War dies der vom Bundeskanzler nach dem Brandanschlag gegen die Düsseldorfer Synagoge eingeforderte "Aufstand der Anständigen"?

Ein Aufstand ist nicht nötig. Es gibt zwar lokale Versuche, "ausländerfreie Zonen" zu errichten, also den Fremdenhass zu etablieren. Und mancher Politiker gerät in Versuchung, mit Reizbegriffen wie "Leitkultur in Deutschland" zu punkten, und nimmt dabei ein Klima der Intoleranz in Kauf. Aber noch regieren in Deutschland Freiheit und Demokratie. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass Freiheit- und Menschenwürde keine statischen Werte sind. Sie müssen fortwährend verteidigt werden. Die Großdemonstration war ein Fanal. Aber wie geht es weiter?

Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben. Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus nisten in Teilen unserer Gesellschaft wie Krebszellen. Sie werden sich durch vereinzelte Kraftakte wie Lichterketten oder Großveranstaltungen nicht aus der Welt schaffen lassen. Ausländer werden weiterhin verachtet und misshandelt, jüdische Friedhöfe werden auch in Zukunft besudelt werden. Einerlei, ob die NPD verboten wird oder nicht. Hass lässt sich nicht verbieten.

Grund zur Resignation? Nein! Wir wissen alle, dass wir sterben müssen, dennoch versuchen wir, ein sinnvolles Leben zu führen. Wie lässt sich eine tolerante Gesellschaft schaffen? Mit einer Kombination von Zuversicht, Lernfähigkeit und Wirklichkeitssinn. Die Erkenntnis, dass Hass und Intoleranz sich nicht vollständig aus unserer Mitte verbannen lassen, darf uns nicht mutlos machen. Es kommt vielmehr darauf an, durch eine freiheitliche Haltung eine Immunität gegen die Unmenschlichkeit aufzubauen.

Der 9. November ist unser Tag, der Tag der Deutschen. Wir können die Vergangenheit nicht "bewältigen", selbst wenn wir uns noch so sehr anstrengen. Aber wir sollten aus der Geschichte lernen, wie wir mit Gegenwart und Zukunft umzugehen haben.

Der 9. November 1918 war keine Revolution, sondern der Zusammenbruch einer erschöpften Armee. Freiheit und Demokratie fielen Deutschland wie ein überreifer Apfel in den Schoß. Doch die Deutschen waren zu unerfahren und zu ängstlich, um sie zu verteidigen. Die Folge waren die Umsturzversuche der Faschisten. 1920 in Berlin und Preußen, Kapp und Lüttwitz. Am 9. November 1923 Hitler und die Nazis in München.

Die Putsche scheiterten. Doch statt fortan ihren Feinden selbstbewusst entgegenzutreten, verzagten die Demokraten. Hitler dagegen lernte aus seiner Niederlage. Fortan gab er den Adolf legalité. Die Nazis bedienten sich der demokratischen Freiheitsrechte, um die Demokratie zu zerstören.

Die deutsche Gesellschaft hat gelernt, dass es Demokratie nicht zum Nulltarif gibt. Der Fall der Mauer war der Beweis. Am 9. November 1989 überwanden die Menschen die Mauer in dieser Stadt und nahmen sich die Freiheit. Wie ist es dennoch möglich, dass gerade in Ostdeutschland Hass und Intoleranz wieder auf dem Vormarsch sind?

Der 9. November ist ebenso wie die Begriffe Freiheit und Toleranz zum Ritual geronnen. Statt den Menschen Zuversicht zuzusprechen, wurde vielfach mit dem Hammer aufgeklärt. Man mahnte statt zu ermutigen. Die erhobenen Zeigefinger Lea Roshs und anderer Volkserzieher haben die gleiche Wirkung wie immer neue Holocaust-Gedenkstätten. Die Menschen können das Grauen nicht mehr ertragen. Sie sehen und hören weg. Da hat Martin Walser Recht. Wenn er dagegen die Instrumentalisierung der Schoah anprangert, redet er Unsinn.

Man soll der Opfer gedenken und gleichzeitig nüchtern nach den Ursachen der Unmenschlichkeit forschen. Unter keinen Umständen aber darf die Zuversicht der Menschen erstickt werden.

Eine humane Gesellschaft kann nicht aus Angst entstehen. Sie muss aus Verständnis erwachsen. Nach der Demonstration sollten wir nicht selbstzufrieden die Hände in den Schoß legen. Auch nicht in Trauer erstarren. Sondern im Alltag selbstbewusst für Freiheit und Toleranz eintreten. Das erfordert mehr Mut als in der warmen Masse zu marschieren.

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