Meinung : Positionen: Der Wähler will Wärme

Hans F. Bellstedt

Eigentlich müsste es der Union gut gehen. Denn eigentlich hat diese Partei gar kein schlechtes Programm. Zumindest ist für jeden etwas dabei: für große Unternehmen ebenso wie für kleine Handwerker, für junge Menschen ebenso wie für Rentner und sozial Schwache. Auch Ausländer, Homosexuelle und die Internet-Ökonomie können in dieser großen Volkspartei ihr Zuhause finden. Denn die Union hat zweifelsohne Kompetenz: in der Sozialpolitik, in der die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA) mindestens so engagiert ist wie die Sozialdemokratie; in der Wirtschaftspolitik, seit Ludwig Erhard eine Domäne der Partei; aber auch in der Außen- und Europapolitik, wo Karl Lamers, Volker Rühe oder Wolfgang Schäuble für Qualität bürgen. Auf keinem dieser Felder ist Rot-Grün um Lichtjahre voraus. So gesehen, steht das Tor weit offen für die Union. Dennoch, und bei aller inhaltlichen Kompetenz, sinkt die Popularität der Partei und ihrer Führungsfiguren derzeit im Stundentakt. Woran liegt es?

Das Problem der Union ist, dass sich mit Inhalten allein heute keine Wahlen mehr gewinnen lassen. Denn in den Sachfragen bieten sich zwischen den Parteien immer weniger Differenzierungsmöglichkeiten: Alle sind für Steuersenkungen; alle wollen etwas für die Umwelt tun; und alle haben verstanden, dass wir ein privates Element der Altersvorsorge brauchen. Wer sich vom politischen Gegner unterscheiden will, der muss ihn nicht inhaltlich, sondern vor allem kommunikativ schlagen: Dazu gehören Begriffe, die vielleicht inhaltsleer sind, aber doch so positiv klingen, dass sie den Wähler mitnehmen. Die "Neue Mitte" ist so ein Begriff. Zwar weiß keiner, was gemeint ist. Aber alle finden den Begriff gut. Also wählt man den, der ihn geprägt hat. Griffige Formeln sind demnach die eine Waffe der politischen Kommunikation. Die andere, das sind die Überbringer dieser Botschaften: die mediengewandten, stets lächelnden, gut gelaunt daherkommenden Gewinnertypen. Bill Clinton ist so ein Typ. Sein Charisma ist unwiderstehlich, sein Lächeln ungemein charmant. Tony Blair bewies ähnliche Qualitäten, jedenfalls bis vor kurzem. Und Gerhard Schröder? Im Verdacht, inhaltliche Tiefe zu suchen, steht der Kanzler wahrlich nicht. Aber in der Wiedergabe dessen, was die Autofahrerinnen und Autofahrer im Land hören wollen, ist er unschlagbar.

Die Union hat keinen Clinton, und sie hat auch keinen Schröder, zumindest nicht in der Führungsriege. Dem grundehrlichen Polenz gab die Telekratie keine Chance: Instinktsicher rollerte er sich selbst ins Aus. Laurenz Meyer, sein Nachfolger, ist "stolz darauf, ein Deutscher zu sein". Das verschafft ihm Punkte, aber vermutlich auf dem falschen Konto. Angela Merkel war kaltblütig genug, um Helmut Kohl zu stürzen. Die Wähler aber wollen Wärme, auch verbal. Das hat übrigens Franz Müntefering verstanden und für 2001 "Sicherheit im Wandel" als Leitmotiv ausgegeben. Wie ungelenk dagegen Friedrich Merz: Entweder verliert er sich in steuerpolitischen Grundsatzreferaten, bei denen der Fernsehzuschauer nur noch wegschaltet; oder er gebraucht Termini, die so missverständlich sind, dass die gesamte Partei vor Schmerzen stöhnt.

Wer Wahlen gewinnen will, der muss nicht unbedingt das Halbeinkünfteverfahren erklären können. Politik muss vor allem die Menschen erreichen: in Marzahn, in München, auf Mallorca. Und sie muss die Menschen, auch sprachlich, in ihren Umfeldern abholen. Guido Westerwelle hat manchen Vorwurf einstecken müssen für seinen Besuch bei "Big Brother"; aber der Ausflug ins Spaßformat hat auch etwas mit der Ansprache von Zielgruppen zu tun Zielgruppen, die der Politik, der Bürgergesellschaft nicht verloren gehen dürfen. In der "New Society" werden Politiker, ob sie wollen oder nicht, primär an ihrer kommunikativen Begabung gemessen. Darauf sollte, darauf muss die Union eine Antwort finden: Aus christlichen Demokraten müssen smarte Kommunikatoren werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar