POSITIONEN : Deutsche und Polen

Ob Völker einander mögen hat nichts mit Wahlen und neuen Regierungen zu tun. Unter Kaczynski lief es jedenfalls mehr als schlecht.

Burkhard Müller-Ullrich

Wie haben wir uns eine Völkerfreundschaft vorzustellen? Massenhaftes Händchenhalten? Freundschaftsbesuche aller Freiwilligen Feuerwehren und Verschwisterungen von Städten zuhauf? Oder Sympathie unter Staatsoberhäuptern? Zum Beispiel Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing: Da war so etwas wie persönliche Geneigtheit, die über das Kollegialgefühl der Mächtigen hinausging.

Auch die Journalisten spielen eine wesentliche Rolle. Wenn es etwa um die deutsch-polnischen Beziehung schlecht steht, dann muss das ja den Deutschen und den Polen erst mal mitgeteilt werden. Denn wo kämen wir hin, wenn Völkerfreundschaften entstünden oder zerbrächen, und die Völker wüssten gar nichts davon? Dafür also sind die Medien da.

Aber wofür genau gibt es die Politiker? Die schlechtlaunigen Kaczynskis haben es ja in der Tat dahin gebracht, dass die deutsch-polnischen Beziehungen ziemlich eingeschrumpelt sind. Und jetzt, nachdem die Polen einen neuen Ministerpräsidenten gewählt haben, wird eine unverzügliche Verbesserung des polnisch-deutschen Verhältnisses erwartet. Ist das nicht seltsam? Kann denn ein einzelner Kaczynski darüber bestimmen, was Millionen Menschen von Millionen anderen Menschen halten?

Wer im 20. Jahrhundert aufgewachsen ist, hat mit solch absolutistischen Vorstellungen Probleme. Für uns ist Politik nicht das Ergebnis eines Herrscherwillens, sondern durch Interessenkonstellationen und Durchsetzbarkeitskalküle rational geprägt. Ob Staatschefs einander mögen oder nicht, kann für die Beziehungen der Staaten zueinander bloß von geringer Bedeutung sein. Und doch hat die Personenmagie auch in der modernen Politik noch immer ihre Wirkungskraft. Der ganze Zirkus sogenannter Gipfeltreffen beruht auf dieser Vorstellung, denn sonst könnten die Regierenden die anstehenden Fragen genauso gut am Telefon besprechen.

Gewiss, sie würden sich auf diese Weise um ein paar glanzvolle Auftritte bringen, die schließlich auch zum Job gehören, aber die sind nicht das Wesentliche. Das Wesentliche besteht darin, dass es bei persönlichen Begegnungen stets ein Moment der Willkür gibt, einen kleinen metaphysischen Spielraum, der eigentlich zutiefst undemokratisch ist.

Demokratisch ist es nämlich, nichts alleine zu entscheiden. Natürlich werden Gipfeltreffen deshalb minutiös geplant; Fachreferenten erarbeiten Vorlagen, die zu haltenden Reden werden im Vorhinein verfasst, Entscheidungen so vorbereitet, dass im Grunde bereits vor Beginn solcher Veranstaltungen alles klar ist. Dann aber wechselt plötzlich die Beleuchtung. Wie Stammesfürsten treffen die Repräsentanten zweier Nationen aufeinander, und für eine weltgeschichtliche Sekunde hält die Öffentlichkeit den Atem an.

Auf einmal fragt man sich, wovon historische Entwicklungen letztlich abhängen: von der Intelligenz der Beteiligten? Ihrer Trinkfestigkeit? Ihrer guten Laune? Dem Wetter? Der Menükarte? Geben wir dieser Frage auch eine geschichtliche Dimension: Schon im Mittelalter, nein, schon in der Antike hielten die Chronisten welthistorische Begebenheiten am Zipfel umständlicher Umstandsbeschreibungen fest: Kein Bericht – egal, ob vom Habsburger Hoftag 1315 zu Basel, vom Konzil zu Konstanz 1418 oder vom Wiener Kongress 400 Jahre später – spart die Art der dargereichten Speisen und Getränke, die Kleider, Transportmittel und das Gefolge der Teilnehmer aus. Diese Äußerlichkeiten spielten schon immer eine wesentliche Rolle.

Nur galten damals die Völker noch nicht als Subjekte des Geschehens. Die Herrscher verfügten über sie nach Gutdünken. Völkerfreundschaft war Fürstenfreundschaft, und für Feindschaft galt Entsprechendes. Aus dieser heroischen Vergangenheit hat sich offenbar manches Denkmodell bis in unser Zeitalter erhalten. Noch immer wird so getan, als seien moderne Staats- und Regierungschefs Träger kollektiver Gefühlswahrheiten. Als stünden hinter ihren Wallungen die psychischen Befindlichkeiten ganzer Länder. Einzig aus dieser Perspektive wird dann der Aberwitz möglich, einen Regierungswechsel mit dem Thema Völkerfreundschaft zu verbinden.

Natürlich liegt hier eine Verwechslung vor. Das eine ist die in der Mentalität, im gesellschaftlichen Gedächtnis verankerte Völkerfreundschaft, das andere ist die institutionelle Repräsentationsfront. Nur auf letztere können die Regierenden einwirken; sie sind ja selbst ein Teil davon. Doch durch gedankenloses Geschreibe wird dieser Unterschied zwischen Volk und Staat ständig verwischt. Ständig ist vom deutsch-polnischen Verhältnis die Rede, wenn es um Verstimmungen auf der Repräsentationsebene geht. Und was das Schlimmste ist: Diese publizistische Gedankenlosigkeit hat Folgen. Noch ein paar Jahre mehr Kaczynski, und das deutsch-polnische Verhältnis hätte wirklich Schaden gelitten.

Der Autor ist Publizist und lebt in Köln.

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