POSITIONEN : Deutschland sollte die Griechen nicht verletzen

Ein Freund darf auch in der Not nicht aufgegeben werden.

Jorgo Chatzimarkakis
Jorgo Chatzimarkakis
Jorgo ChatzimarkakisFoto: promo

Kreta im Sommer 1960: Die Deutschen sind da. Statt Sonnencreme haben sie Metermaß und Mundspiegel im Gepäck. Eine Kommission der deutschen Industrie ist in ein Bergdorf gekommen, um Gastarbeiter anzuwerben. Eine Stimmung wie auf dem Pferdemarkt, inklusive Blick ins Gebiss – nur die Stärksten werden genommen. Unter den Männern, die sich zur Untersuchung stellen, ist auch mein Vater. Drei Monate später schuftet er als Stahlarbeiter in Duisburg für das Wirtschaftswunder.

1960 ist Griechenland politisch zerrissen, die Wirtschaft liegt am Boden. Wer kann, sucht sein Glück anderswo. Heute ist das Land in einer ähnlich dramatischen Lage, auch wenn die Vorzeichen anders sind. Es hat sich enorm weiterentwickelt, doch wer jung ist und gut ausgebildet, geht ins Ausland.

Griechenland, mit seiner uralten Kultur und seinen herzlichen Menschen, ist ein Sanierungsfall. Jeder, der heute über Griechenland und die Krise des Euro redet, kennt die Horrorzahlen: 12,7 Prozent Haushaltsdefizit, fast 300 Milliarden Euro Schulden.

Auf dem morgigen Gipfeltreffen werden Europas Staats- und Regierungschefs diskutieren, ob es bilaterale Kredite geben wird. Mit Krediten bekommt man vielleicht die aktuellen Löcher gestopft, aber für eine nachhaltige Veränderung brauchen wir eine andere Art der Unterstützung:

Griechenland braucht substanzielle Hilfe zur Selbsthilfe. Konkret: Die EU sollte eine Kommission einsetzen, die sogenannte Good-Governance-Expertise in das Land bringt. Denn es mangelt bislang an guter Verwaltung und Rechtsetzung. Ein Beispiel ist das griechische Solarenergiegesetz – das modernste der Welt. Leider wird es nicht umgesetzt.

Eine Veränderung Griechenlands wird am ehesten über einen Mentalitätswandel erreicht, der von außen, aber von Griechen, beflügelt werden kann. Jetzt sind auch die rund sieben Millionen Auslandsgriechen bzw. die griechischstämmige Bevölkerung aufgerufen, Solidarität mit der alten Heimat zu zeigen und ihr Kapital zu investieren. Damit meine ich vor allem das intellektuelle Kapital. Laut DAAD hat ein beträchtlicher Teil der Professoren an griechischen Hochschulen bereits heute zumindest einen Teil seiner Ausbildung in Deutschland erhalten. Griechenland sollte mehr junge Akademiker dazu motivieren zurückzukehren.

In einem weiteren Schritt sollte Deutschland auf Griechenland zugehen und eingestehen, dass es durch den europäischen Binnenmarkt profitiert hat. Das deutsche Außenhandelsplus gegenüber Griechenland ist enorm. Deutsche Großhandelsketten aus der Lebensmittelsbranche haben heute in Griechenland fast eine Monopolstellung inne. Die Griechen sind nur noch „Zaungäste“ im eigenen Land. Warum entschließen sich diese Handelsketten nicht, mehr griechische Qualitätsprodukte ins Sortiment zu nehmen?

Deutschland sollte nicht mit „Stinkefingern“ oder einem Ausschluss des Landes aus der Eurozone aufwarten. Das verletzt die Griechen, die Deutschland bisher als einen verlässlichen Freund kannten. Und einen Freund sollte man in der Not nicht aufgeben, sondern seinen Willen zur Veränderung unterstützen.

Nur dann hätte auch Eleni eine Chance in ihrer Heimat ein Auskommen zu finden. Jahrelang habe ich vergeblich versucht, für meine beiden Töchter ein griechisches Au-pair-Mädchen zu finden. Erst mit dem Beginn der Finanzkrise sind auch Griechinnen bereit dazu. Für meine Töchter ist das großartig, weil sie so ihr Griechisch verbessern können.

Für Griechenland bedeutet das allerdings, das wir wieder da sind, wo wir in der Vergangenheit waren: Griechenland ist erneut zum Auswanderungsland geworden. Damit diejenigen, die heute das Land verlassen, wieder zurückkehren, sollten wir nicht tatenlos zusehen. Wir haben zu viel zu verlieren.

Der Autor ist Europaabgeordneter für die FDP und Präsident

der Deutsch-Hellenischen Handelskammer.

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