POSITIONEN : Die EU frisst den Regenwald

Auf Satellitenaufnahmen ist die Zerstörung des brasilianischen Regenwaldes deutlich sichtbar: Im Bundesstaates Mato Grosso fressen sich Sojafelder und Rinderweiden in den Wald hinein. Der europäische Hunger nach Soja und Fleisch darf nicht wichtiger sein als der Artenschutz.

Barbara Unmüßig

Längst gleicht die Landschaft einem Flickenteppich. Nur ein grüner Farbtupfer fällt ins Auge. Es ist der Xingu-Nationalpark, mit einer Fläche von rund 27 000 Quadratkilometern fast so groß wie Belgien. Dieser Nationalpark wurde 1961 mit Unterstützung der ansässigen Indianerstämme gegründet und steht heute für die Hoffnung, dass der Regenwald durch Naturschutzgebiete erhalten werden kann: Wenn die lokale Bevölkerung, die mit dem Tropenwald wirtschaftet und nicht gegen ihn, in Schutzkonzepte einbezogen ist.

Leider fehlt das Geld für neue Nationalparks überall auf der Welt: Wenn sich die 190 Vertragsstaaten der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) dieser Tage in Bonn treffen werden, wollen sie über den Artenschutz und den weltweiten Ausbau von Naturschutzgebieten verhandeln. Umstritten ist aber schon die Frage der Finanzierung. Die UN schätzen den nötigen Betrag für ein globales Netz von Schutzgebieten auf jährlich 30 Milliarden Euro. Bis spätestens 2015 soll dieses Ziel erreicht werden. Bislang tragen die Vertragsstaaten aber nur sieben bis zehn Milliarden Euro pro Jahr zusammen.

So lässt sich die Zerstörung der letzten großen Waldgebiete am Kongo, in Borneo, am Amazonas, in Russland oder Kanada nicht aufhalten. Das Tempo des Kahlschlags in Amazonien ist schon heute 30 Prozent höher als noch vor acht Jahren – mit weit reichenden Folgen. Die Amazonaswälder beherbergen nicht nur rund 60 Prozent aller Lebensformen unseres Planeten, die hohen Abholzungsraten beschleunigen auch die globale Erwärmung. Wälder sind Kohlenstoffspeicher, ihre Abholzung setzt Unmengen an Kohlendioxid frei und ist für 20 bis 25 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich.

Abholzungsursachen Nummer eins und zwei für den Amazonas sind Rinderzucht und Sojaanbau. Nicht zuletzt mit Unterstützung der EU, die nach Russland der zweitgrößte Importeur brasilianischen Rindfleischs ist, und mit Hilfe Deutschlands, einer der wichtigsten Abnehmer für Soja: 3,3 Millionen der insgesamt 6,8 Millionen Tonnen importierten Sojas hierzulande stammen aus Brasilien.

Berlin und Brüssel, aber auch die Konsumenten von Fleisch oder Holz tragen eine immense Verantwortung für die fortschreitende globale Waldzerstörung. Knallharte wirtschaftliche Interessen rund um Hölzer, Mineralien, Rinder, Soja oder Palmöl unterlaufen die vielerorts guten Anstrengungen zum Schutz der Waldes und seiner biologischen Vielfalt.

Wenn Deutschland und die EU ihre Glaubwürdigkeit nicht verspielen wollen, müssen sie auf eine widerspruchsfreie Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik umschwenken. Dazu gehören neben der ausreichenden Finanzierung von Naturschutzgebieten vor allem die EU-weite Zertifizierung von Rindfleisch und Soja: Dann hätte der Verbraucher erstmalig die Chance, die Herkunft der Produkte und ihre Herstellung einwandfrei nachzuverfolgen.

Ein wichtiges internationales Signal wäre das schon vielfach angekündigte und noch immer nicht umgesetzte EU-weite Importverbot für illegal geschlagenes Tropenholz: Ein entsprechendes Gesetz könnte wichtige Anreize für waldreiche Länder wie Indonesien, Russland oder Brasilien schaffen, ihrerseits Gesetzeslücken zu schließen und gegen illegale Holzhändler vorzugehen. Weltweit ist der illegale Holzeinschlag eine der größten Bedrohungen für den Tropenwald: Schätzungen des Umweltverbandes WWF zufolge stammt indonesisches Tropenholz in drei von vier Fällen aus illegalen Quellen.

Wer den Verlust biologischer Vielfalt stoppen und die letzten Urwälder schützen will, muss also hart in Bonn verhandeln. Brasilien als „Agrargroßmacht“ und biodiversitätsreicher Staat wird – neben anderen – ein schwieriger Verhandlungspartner sein. Dennoch: Die biologische Vielfalt ist es wert – und die Vertragsstaatenkonferenz in Bonn eine Chance.

Die Autorin ist Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung.

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