POSITIONEN : Die können es auch

Obama hat über das Internet Politik gemacht. Seine Gegner machen sich inzwischen diese Strategie zunutze

Clay Risen
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Foto: privat

Die „Obama-Revolution“ von 2008 hatte zwei Komponenten: erstens, Barack Obama selbst – einer der klügsten, charismatischsten Männer, die sich je für das Weiße Haus beworben haben. Und, zweitens, seine Internetstrategie: Obama nutzte Yotube, Facebook, Blogs, Paypal, MeetUp und den Rest vom Web 2.0 nicht nur, um Geld oder Wählerstimmen einzusammeln, sondern um eine Bewegung aufzubauen.

Besser als irgendjemand sonst versteht Obama das neue Verhältnis zwischen Politik und Medien. Er war auf die traditionellen Zeitungen und Fernsehnachrichten nicht mehr angewiesen: Er sprach direkt mit den Bloggern, digitalen Filmproduzenten und den sogenannten „bürgerlichen“ Journalisten. Er wartete nicht darauf, dass die Medien über ihn berichteten – über seine Website berichtete er seine Nachrichten selbst.

Von dieser Strategie hat nicht nur Obama profitiert, es war ein Erfolg für die Demokratie überhaupt. Er hat gezeigt, wie man über das Internet ganz normale Amerikaner in die Politik hineinziehen kann. Youtube vermag traditionelle und neue Formen der Demokratie zusammenzuführen, indem es lokale Demos und Versammlungen global verbreitet.

Obama ist heute jedoch nicht der Einzige, der mit dem Internet umzugehen versteht. Viele auf der Linken und Rechten folgen seinem Beispiel und benutzen mit Erfolg seine Strategie. Und deshalb konnten wir in diesem Sommer auch die Nachteile einer solchen Internet-Politik begutachten. Obama hatte eine echte bürgerliche Bewegung geschaffen. Man kann das Internet aber auch benutzten, um sogenannte „Astroturf“(„Kunstrasen“)-Bewegungen aufzubauen: Demos, die spontan erscheinen, die aber in Wahrheit von ideologischen Interessengruppen, die über große E-Mail-Listen verfügen, schnell und geheim organisiert wurden.

Es stimmt zwar, dass viele Amerikaner Obamas innenpolitisches Programm mit Unbehagen erfüllt. Aber es stimmt auch, dass viele der Demonstrationen gegen Obamas Politik choreografiert waren. Eine Reihe dieser Demos wurde zum Beispiel von einer Gruppe organisiert, die sich „Energy Citizens“ nennt. Auf diesen Veranstaltungen sprachen vermeintlich normale Amerikaner über ihre Angst vor Obamas Klimaprogramm. Aber diese „Energiebürger“ werden vom American Petroleum Institute finanziert und die Teilnehmer sind mehrheitlich Angestellte von irgendwelchen Ölfirmen.

Die „Astroturf“-Organisationen benutzen die gleichen Instrumente wie Obama, um falsche Informationen zu verbreiten, und sie planen ihre Massenveranstaltungen, um sie gezielt auf Youtube zu verbreiten. Sie verfassen „objektive“ Berichte, die Millionen sofort lesen können, die aber reine Propaganda sind. Die Geschwindigkeit des Internets führt dazu, dass niemand die Zeit hat, zwischen Wahr und Falsch zu unterscheiden.

Solche Strategien schaffen eine Weiterverbreitungsspirale: Die „spontanen“ Demos versorgen wiederum ideologische Moderatoren wie Rush Limbaugh und andere mit Brennstoff. Die schreiben Blogs, schreien aus dem Fernseher heraus und schicken endlose E-Mails an ihre Anhänger. Dieses Rückmeldesystem setzt Politiker unter Druck, immer ideologischer zu werden. Im November 2008 war diese neue Technik ein Instrument für fortschrittliche Politik; im August 2009 ist sie deren Bedrohung. Ein neuer Populismus ist da, und auch er wird befeuert von der Macht und Geschwindigkeit des Internets. Dieser Populismus ist nur mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: Viele Blogs und Webseiten (factcheck.org, zum Beispiel, und Media Matters for America) liefern sofort Reaktionen und Analysen auf alle Lügen und Übertreibungen.

Ob dieses neue politische Medium nun gut oder schlecht für die amerikanische Demokratie sein wird, ist also noch offen . Aber die Geschichte von Politik 2.0 hat ja auch gerade erst begonnen.

Der Autor arbeitet für „Democracy: A Journal of Ideas“ und ist derzeit Arthur-F.-Burns-Stipendiat beim Tagesspiegel.

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