Positionen : Die Leere vom 9. November

Wer über Darfur nicht reden will, sollte über Auschwitz schweigen.

Henryk M. Broder

Es ist vollbracht! Der 9. November liegt hinter uns. Und nichts ist passiert, an das künftige Generationen sich erinnern müssten. Dabei muss man an diesem Tag auf alles gefasst sein. Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann die Republik aus, am 9. November 1923 marschierten Hitler und Ludendorff auf die Münchner Feldherrenhalle, am 9. November 1938 erklang die Ouvertüre zur Endlösung der Judenfrage, und am 9. November 1989 begann die Auflösung der DDR im Dunst der Geschichte. Es scheint, als hätte der Allmächtige eine Vorliebe für dieses Datum, oder als wollte er den Vergesslichen entgegenkommen, indem er so viele „Events“ an einem Tag geschehen ließ.

Doch heuer zählte nur das Pogrom von 1938, denn es jährte sich zum 70. Mal. Überall im Lande fanden Gedenkfeiern statt, bei denen immer das Gleiche gesagt wurde: dass man den Anfängen wehren und nicht vergessen dürfe, dass die Erinnerung das Geheimnis der Erlösung sei, und dass derjenige, der sich nicht erinnern möchte, dazu verdammt wäre, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.

Sagen wir es höflich und mit der gebotenen Zurückhaltung: Überall wurden dieselben Sprüche gedroschen, als ginge es darum, die Nazis im letzten Moment auf ihrem Marsch zu stoppen. Wie in einer Zeitmaschine trieb die Berliner Republik in das Jahr 1938 zurück, wo man sich beinah schon mit den Nazis arrangiert hatte.

In einem heroischen Akt nachgeholten Widerstands wurden sie dann in die Flucht geschlagen – wie vor einigen Wochen einige Dutzend „Rechtspopulisten“, die sich in Köln zu einer Anti-Islam- Konferenz treffen wollten.

Dieser retroaktive Erfolg war nur möglich, weil sich die Zeiten geändert haben: Es steht kein Viertes Reich vor der Tür, die Neonazis sind eher eine ästhetische Zumutung als eine politische Gefahr, und dort, wo sie sich herumtreiben, wie in einigen „nationalbefreiten Zonen“, liegt ein Versagen der Polizei vor – aber kein Systemfehler.

Es stimmt auch nicht, dass die Farce die Fortsetzung der Tragödie ist, wie es Marx, Hegel im Sinn, behauptete. Die Fortsetzung der Tragödie ist eine noch größere Tragödie, ein Supergau der Geschichte. Hätte Hindenburg den Gefreiten nicht zum Reichskanzler ernannt, wäre Deutschland und der Welt vieles erspart geblieben. Und so wie es wahr ist, dass die notwendigen Grausamkeiten am Anfang begangen werden müssen, so ist es auch richtig, dass man sich gerne in die Vergangenheit flüchtet, um sich mit der Gegenwart nicht beschäftigen zu müssen.

Für den 9. November bedeutet das: Statt Tränen über den letzten Holocaust zu vergießen, hätte man über den kommenden reden müssen, der im Nahen Osten geschehen wird, wenn die Bundesrepublik und Europa ihren Kurs gegenüber dem Iran nicht ändern. Denn „aus der Geschichte lernen“, heißt auch, die Zeichen an der Wand rechtzeitig zu erkennen, Despoten und Fanatiker ernst zu nehmen, die ganz ungeniert aus ihren Herzen Mördergruben machen. Weil das aber mit allerlei Folgen verbunden wäre, unter anderem für die Außenhandelsbilanz, diskutiert man in der Bundesrepublik lieber darüber, ob der derzeitige iranische Präsident gedroht hat, Israel von der Landkarte auszuradieren, oder nur den Wunsch geäußert hat, das zionistische Regime möge von den Seiten der Geschichte verschwinden, quasi von alleine und ohne Gewalteinwirkung.

Es ist einfacher und macht mehr Spaß, sich gegenseitig zu versichern, dass der 9. November 1938 „nie wieder“ geschehen dürfe, und über den Verlust zu klagen, den die Austreibung der Juden der deutschen Kultur zugefügt hat. Denn die Welt liebt Juden, die auf dem Weg in den Tod noch schnell ein paar Gedichte schreiben, über die später Literaturseminare abgehalten und Dissertationen verfasst werden können. Der tote Jude ist ein gern gesehener Gast in der guten Stube des schlechten Gewissens; Juden, die etwas weniger feingeistig sind, dafür aber Kampfjets fliegen und mit Gewehren umgehen können, werden ermahnt, ihre eigenen Traditionen nicht zu verraten: die des Humanismus, des Pazifismus und der Wehrlosigkeit.

Dabei sind die Juden noch relativ gut dran, denn sie haben aus der Geschichte gelernt. Man hätte an diesem 9. November auch über andere Minderheiten reden können, die heute verfolgt werden: über Christen in moslemischen Ländern, über die Armenier in der Türkei, die Kopten in Ägypten und vor allem über die Baha’i im Iran, deren Situation sehr wohl mit der Lage der Juden in Deutschland zwischen ’33 und ’39 vergleichbar ist. Oder auch über Frauen, die der Scharia geopfert werden, wie das 13-jährige Mädchen in Somalia, das zuerst von drei Männern vergewaltigt und dann als Strafe für ihr Fehlverhalten gesteinigt wurde.

Es ist ganz einfach: Wer über Darfur nicht reden will, der sollte über Auschwitz schweigen.

Der Autor ist Reporter beim „Spiegel“.

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