POSITIONEN : Die Polen nehmen niemandem die Arbeit weg

Ihre Qualifikation wurde in Deutschland bisher vergeudet

Andrzej Stach
Foto: Julita Gawlik
Foto: Julita Gawlik

Ab dem 1. Mai 2011, dem internationalen Tag der Arbeit, dürfen polnische Bürger offiziell nach Deutschland kommen und (fast) jede Arbeit legal aufnehmen. Ich gehe aber davon aus, dass die polnischen Arbeitnehmer nicht mit roten Mainelken, geschweige denn mit Motorrädern oder anderen Geschenken in Deutschland empfangen werden wie einst türkische und italienische Gastarbeiter.

Es gibt auch eine neuere Geschichte der polnischen Gastarbeiter in Deutschland, und zwar die der Schwarzarbeit. Bereits Ende der 70er Jahre kamen Tausende von Studenten, Akademikern und qualifizierten Arbeitern aus Polen in die Bundesrepublik und nach West-Berlin. Von einigen wenigen echten Touristen abgesehen, wollten die meisten von ihnen arbeiten. Nur Vertreter seltener Berufe aber, zum Beispiel Denkmalrestauratoren, bekamen die Arbeitsgenehmigung. Alle anderen wurden förmlich zur Vergeudung ihrer hohen berufliche Qualifikation gezwungen. Illegal mussten sie die einfachsten Arbeiten meist auf Baustellen oder als Bauernhelfer verrichteten. Studierte Frauen verdingten sich oft als Putzkräfte.

Wegen einer rigorosen Politik bei der Erteilung der Arbeitsgenehmigung kehrten abertausende polnischer Hochschulabsolventen und Facharbeiter in die Heimat zurück oder wanderten weiter nach Australien und vor allem in die USA aus. Der Grund für die kontraproduktive Abschottungspolitik gegenüber den Arbeitsemigranten aus Polen und für die Vergeudung der unschätzbaren Ressourcen war die irrational anmutende Angst vor der angeblichen Bedrohung des deutschen Arbeitsmarktes. Dieser Zustand hält teilweise bis heute an.

Nach dem EU- und SchengenBeitritt Polens machten etwa zwei Millionen meist junge und beruflich gut qualifizierte Polen einen Bogen um Deutschland herum und gingen nach Großbritannien, Irland, Dänemark oder Schweden, wo sie von Anfang an arbeiten durften. Zigtausende von ihnen wurden von diesen Ländern übrigens bereits in Polen direkt angeworben, darunter Informatiker, Ärzte, Krankenschwestern oder Ingenieure. Vor diesem Hintergrund herrschen gegenwärtig in Polen ausgesprochen gemäßigte Erwartungen bezüglich der Liberalisierung des deutschen Arbeitsmarktes. Aber auch namhafte deutsche Arbeitsexperten hegen keine besonderen Hoffnungen bzw. Ängste hinsichtlich der zu erwartenden polnischen Arbeitsemigranten. Deren Zahl werde ihrer Meinung nach nicht ausreichend sein, um alle Defizite auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu beheben. Man sollte sich daher auch fragen, wie man beispielsweise die sagenumwobene polnische Putzfrau wieder in ihren erlernten Beruf als Physik- oder Mathematiklehrerin zurück bringt. Und wie man möglichst schnell oftmals vorgeschobene formale Hemmnisse beseitigt und ausländische Studienabschlüsse anerkennt.

Als ein 26 Jahre in der Bundesrepublik Deutschland lebender Journalist bleibe ich jedoch nicht nur in der Frage der Arbeitskräfte relativ skeptisch. Immer wieder höre ich nämlich die Parole: „Die Polen werden uns die Arbeit wegnehmen.“ Dann frage ich: Welche Arbeit? Etwa diese, für die kein Deutscher zur Verfügung steht oder sie machen möchte? Manchmal fühle ich mich sogar nicht nur in die 70er Jahre in Westdeutschland, sondern gar in die DDR versetzt.

Denn auch dort gab es polnische Gastarbeiter, die offiziell und gern beschäftigt wurden. Nicht gern gesehen wurden dagegen polnische Kunden in den ostdeutschen Geschäften. Denn es galt in der Mangelwirtschaft: „Die Polen kaufen alles auf.“ Und just vor einigen Wochen lebte diese Parole in der deutsch-polnischen Grenzregion auf, als viele polnische Kunden dort massenweise Zucker kauften, weil er billiger war als in Polen. Statt aber mehr Zuckerlieferungen anzufordern und mehr Gewinn einzufahren, führten die dortigen Geschäfte als Reaktion auf den Käuferansturm – ganz wie zu Erichs Zeiten – die Reglementierung beim Zuckerverkauf ein.

Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben