POSITIONEN : Don Camillo und Peppone

Eine aktuelle Atheismuskampagne möchte unter dem Motto "Gottlos glücklich" auf den Bussen deutscher Städte Werbung für eine religionsfreie Existenz machen. Doch die Aktion der Atheisten kommt ins Stottern.

Daniel Bogner

Bei der Aktion geht es im Unterschied zum Streit um Pro Reli nicht um den Fuß in der Tür des Bildungssystems oder um ökonomische Verteilungsfragen, sondern lediglich um die Empfindungen der Zeitgenossen.

Die Wahrnehmung der Aktion ist richtig: Religiöse Gruppen verschaffen sich öfter Gehör als solche, die einzig mit der Botschaft auftreten, nicht religiös zu sein. In der Natur des Christentums und der meisten Religionen liegt es, dass man nicht nur alleine vor sich hin glaubt, sondern dies gemeinschaftlich tut. Wenn Gläubige daraus den Schluss ziehen, sie hätten die weltanschauliche Meinungsführerschaft gepachtet, liegen sie freilich falsch. Es stimmt ja: Die großen Kirchen in Deutschland atmen allzu oft den Mief ihrer jahrhundertelangen Tradition. Sie fühlen sich häufig allein aufgrund ihrer geografischen Verwurzelung als die geistigen Urheber des Abendlandes und deswegen zu jedem Thema gefragt.

Die Kampagne begeht aber einen Fehler: Sie praktiziert das, was sie den Religionen vorwirft, nämlich den anderen abzuwerten und zu missionieren. Die Macher hören es nicht gerne. Wer aber plakativ behauptet, ein aufgeklärter Mensch könne schwerlich religiös sein und wer religiös ist, gebe sein Verantwortungsbewusstsein an der Garderobe ab, stellt die Gläubigen unter Generalverdacht. Die Annahmen der Religionen, heißt es, seien „erwiesenermaßen falsch“. Nur ein areligiöser Mensch könne die für unsere Welt nötige Portion Skepsis aufbringen. Religion und Aufklärung, so wird behauptet, schließen sich gegenseitig aus. Für viele Gläubige in modernen Gesellschaften lautet die Alternative aber nicht, zwischen einem von beidem wählen zu müssen. Erforderlich ist vielmehr eine Aufklärung innerhalb der Religion! Dass sich im Christentum eine wissenschaftliche Theologie etabliert hat, die im Namen der religiösen Botschaft Kritik an der alltäglichen religiösen Praxis und dem Gebaren der Institutionen üben soll, ist ein solcher Aufklärungsschritt. Weitere Schritte stehen an, etwa eine Veränderung des Geschlechterverhältnisses in der Kirche, mehr Befugnisse für Laien und vieles andere mehr. Wenn die Religionen sich dem Geist der Kritik öffnen, können sie selbst zu kritischen Apparaten gegen eine ideologische Gleichschaltung in Wirtschaft und Gesellschaft werden.

Religion und Glaube berühren Stilfragen. Ob ihre Wahrheit sich Gehör verschafft, hängt wesentlich von ihrem Auftreten ab. Deshalb haben die aggressiven Bekehrungsmethoden der religiöser Schwärmer mehr mit Überredung zu tun als mit Überzeugung. Sie schaden ihrer Sache ohne es zu bemerken. Auch Atheismus und Skepsis sind angewiesen auf Takt und Stil. Und dabei hat die Kampagne ordentlich danebengegriffen. Die Bürgerinnen und Bürger sind keineswegs bevormundete und folgsame Schafe, denen der Mut zur Selbstaufklärung erst eingeimpft werden müsste. So vergibt die Initiative der Atheisten eine wichtige Chance: Bei diesem Gegner ist es den Kirchen leicht gemacht, echte Reformanfragen abzuwehren und einer intellektuellen Auseinandersetzung um ihre Inhalte aus dem Weg zu gehen. Im Stil von Don Camillo und Peppone wird man weiter um den Aufmerksamkeitspreis kämpfen können.

Religion ist nichts, wovor man die Zeitgenossen per se warnen müsste. Sie kann Ausdruck eines erfüllten Lebens sein und ist für manche Menschen ein Mittel der Selbstverwirklichung. Die rote Linie ist erst dann überschritten, wenn es Verletzungen an den Freiheitsrechten der Nichtgläubigen gibt. Das neue religiöse Rauschen mag vielleicht stören. Aber es ist eine Bagatelle und kein Grundrechtsverstoß. Die Buskampagne riecht nach Ressentiment. Sie arbeitet mit dem Dünkel, Religion sei grundsätzlich etwas für Unmündige. Besonders aufgeklärt ist das alles nicht.

Der Autor ist Theologe am Max-Weber-Kolleg in Erfurt.

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