POSITIONEN : Ein Wandel liegt in der Luft

Exklusiv im Tagesspiegel: Warum ich für diesen Dienstag einen UN-Sondergipfel zum Klimawandel einberufen habe. Rund 100 Staats- und Regierungschefs werden teilnehmen. Es ist das größte Treffen dieser Art, das es je gab.

Ban Ki Moon
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Foto: dpaEPA

Vor zwei Wochen habe ich die Arktis besucht. Ich habe die Reste eines Gletschers gesehen, der noch vor wenigen Jahren ein gigantischer Block aus Eis war. Jetzt ist er zerfallen. Nicht langsam geschmolzen, sondern zerfallen. Ich war neun Stunden mit dem Schiff unterwegs, um von der nördlichsten Siedlung aus den Polarkreis zu erreichen. In einigen Jahren könnte dieses Schiff ungehindert bis zum Nordpol fahren, denn im Jahr 2030 könnte die Arktis eisfrei sein.

Wissenschaftler erzählten mir ihre ernüchternden Erkenntnisse. In der Arktis zeigen sich die ersten Folgen des Klimawandels, der uns alle betreffen wird. Ich bin vom schnellen Wandel dort alarmiert. Schlimmer ist noch, dass die Veränderungen in der Arktis die globale Erwärmung beschleunigen. Der Dauerfrostboden taut auf und Methan entweicht, ein Treibhausgas, das 20 Mal stärker als Kohlendioxid ist. Das schmelzende Eis in Grönland könnte die Meeresspiegel steigen lassen.

Inzwischen steigt der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen. Ich bin deshalb umso entschlossener, dass wir handeln müssen. Und zwar jetzt. Für diesen Dienstag habe ich einen Sondergipfel zum Klimawandel bei den Vereinten Nationen einberufen, an dem rund 100 Staats- und Regierungschefs teilnehmen werden. Es ist das größte Treffen dieser Art, das es je gab. Die Teilnehmer stehen vor einer gemeinsamen Herausforderung: Sie müssen die Klimakrise in eine Gelegenheit für sicheres, sauberes und nachhaltiges Wachstum für alle umwandeln.

Die Entscheidung fällt beim Klimagipfel in Kopenhagen, bei dem die Regierungen über ein neues weltweites Klimaabkommen verhandeln werden. Ich habe für die Staats- und Regierungschefs eine simple Botschaft: Die Welt ist darauf angewiesen, dass Sie ein faires, effektives und umfassendes Abkommen schließen. Wenn Sie versagen, werden viele Generationen dafür bezahlen müssen.

Der Klimawandel ist das wichtigste geopolitische Thema unserer Zeit. Er stellt die globale Gleichung für Entwicklung, Frieden und Wohlstand neu. Er bedroht Märkte, Volkswirtschaften und Erfolge der Entwicklungszusammenarbeit. Er kann die Nahrungs- und Wasserversorgung reduzieren, zu Konflikten und Migration führen, zerbrechliche Gesellschaften destabilisieren und sogar Regierungen können durch ihn stürzen. Sind das Übertreibungen? Nein, sagen die weltweit führenden Wissenschaftler. Dem zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) zufolge muss der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen innerhalb der nächsten zehn Jahre seinen Höhepunkt hinter sich haben, damit nicht gewaltige Naturkräfte entfesselt werden, die wir allmählich nicht mehr kontrollieren können.

In den kommenden zehn Jahren werden viele der Gipfelteilnehmer noch politisch aktiv sein. Die Klimakrise geschieht, während sie die Verantwortung tragen.

Es gibt eine Alternative: nachhaltiges Wachstum, das auf grüner Technologie basiert, sowie eine Politik, die auf geringe Emissionen setzt. Viele nationale Konjunkturprogramme, die während der Wirtschaftskrise aufgelegt wurden, beinhalten eine grüne Komponente, um Arbeitsplätze zu schaffen. Diese Länder mit einer sauberen Energieerzeugung werden in der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts aufsteigen.

Ein Wandel liegt in der Luft. Entscheidend ist ein weltweites Abkommen, um den Ausstoß von Treibhausgasen und den Temperaturanstieg auf ein wissenschaftlich sicheres Maß zu senken. Ein Abkommen, durch das saubere Energie gefördert wird. Am dringendsten muss es aber diejenigen Menschen schützen, die vom Klimawandel besonders bedroht sind.

Wir benötigen politischen Willen auf höchster Ebene. Präsidenten, Premierminister und Ministerpräsidenten müssen diesen Willen in raschen Fortschritt verwandeln. Wir benötigen mehr Vertrauen zwischen den Nationen, mehr Vorstellungskraft, Ehrgeiz und Zusammenarbeit.

Die Staats- und Regierungschefs müssen ihre Ärmel hochkrempeln und miteinander reden, nicht aneinander vorbei. Ich erwarte, dass sie ihre Anstrengungen erhöhen. Bisher verlaufen die weltweiten Verhandlungen im Schneckentempo.

Die langfristigen Interessen unseres Planeten müssen vor die kurzfristigen politischen Ziele gestellt werden. Die Verantwortlichen müssen langfristig denken. Die heutigen Gefahren überwinden Grenzen. Das muss auch für unser Denken gelten.

In Kopenhagen müssen nicht alle Details geklärt werden. Aber ein erfolgreiches, globales Abkommen muss beinhalten, dass alle Staaten langfristig und in Einklang mit ihren Kapazitäten für ein gemeinsames Ziel arbeiten.

Das sind meine Kriterien für ein erfolgreiches Abkommen:

Erstens muss jeder Staat alles dafür tun, die Hauptquellen der CO2-Emissionen zu reduzieren. Der jetzige CO2-Ausstoß der Industrienationen ist noch weit von den Werten entfernt, die der IPCC als notwendig erachtet. Aber auch die Entwicklungsländer müssen, als Teil ihrer Strategie zur Armutsbekämpfung, den CO2-Ausstoß senken und dabei gleichzeitig grünes Wachstum fördern. Zweitens muss ein erfolgreiches Abkommen jenen Staaten helfen, die am meisten vom Klimawandel betroffen sind. Sie müssen sich an die unvermeidlichen Folgen anpassen können. Das ist sowohl ein ethisches Gebot als auch eine kluge Investition in eine stabilere, sicherere Welt.

Drittens müssen Entwicklungsländer technologische und finanzielle Unterstützung erhalten, um emissionsarmes Wachstum zu ermöglichen. Ein erfolgreiches Abkommen muss ebenso private Investitionen ermöglichen, und zwar auch für den Handel mit Emissionsrechten.

Viertens müssen Ressourcen gerecht verwaltet und so eingesetzt werden, dass jeder Staat ein Mitspracherecht besitzt.

In Kopenhagen haben wir in diesem Jahr die Möglichkeit, die historisch richtige Entscheidung zu treffen. Der Klimagipfel bietet nicht nur eine Gelegenheit, künftige Katastrophen zu verhindern, sondern auch, das weltweite Wirtschaftssystem fundamental zu verändern.

Ein frischer, starker politischer Wind zieht auf und füllt unsere Segel. Millionen von Menschen sind mobilisiert. Clevere Geschäftsleute setzen auf saubere Energie. Wir müssen diesen Moment nutzen und jetzt mutig in Fragen des Klimawandels handeln. Ein solcher Moment könnte so bald nicht wiederkommen.

Ein Wandel liegt in der Luft. Lassen Sie uns dieses Abkommen erreichen, für eine bessere Zukunft für uns alle.

Der Autor ist Generalsekretär der Vereinten Nationen (übersetzt von Sebastian Wolfrum).

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