POSITIONEN : Eine Welt, eine Sprache

Die Globalisierung bringt uns ein eine weltweit agierende Wirtschaft - eine Veränderung im politischen Machtgefüge dürfte folgen. Doch erfolgt auch eine Globalisierung unseres Bewußtseins? Jeder Mensch hat eine Stimme – sie verdient es, gehört zu werden.

Liz Mohn

Wir leben weder in einem amerikanischen noch in einem europäischen oder asiatischen Jahrhundert – wir leben in einem globalen Jahrhundert: Dieser Tenor für ein neues Verständnis der weltwirtschaftlichen und geopolitischen Machtverhältnisse sollte unser Denken und Handeln bestimmen. Folgt auf die Globalisierung der Wirtschaft, die Verschiebung im politischen Machtgefüge und die Veränderung all unserer Lebensbedingungen auch eine Globalisierung unseres Bewusstseins? Sprechen wir eine gemeinsame Sprache, wenn es um die gemeinsame Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen, zukünftigen Generationen und dem Planeten geht?

Das muss das Ziel sein, aber wie können wir es erreichen? Es kann angesichts der globalen Entwicklungen nicht allein darum gehen, ob wir Farsi, Finnisch oder Flämisch sprechen. Es geht darum, dass in einer globalen Welt die Perspektiven, Sprachen und Hoffnungen aller Menschen Gehör finden. Über diese Fragen durfte ich mich in den letzten Tagen mit Persönlichkeiten aus aller Welt beim Salzburger Trilog austauschen. Der Trilog führt jedes Jahr zu den Festspielen internationale Vertreter aus Kultur, Wirtschaft und Politik zusammen, die sich gemeinsam Gedanken über Zukunftsthemen unserer Zeit machen.

Sprache verbindet und gibt Identität – sie ist Teil unserer historischen und individuellen Wurzeln. Und gleichzeitig verschärft sie die Distanz zwischen Menschen und ist damit oft Auslöser von Missverständnissen und Konflikten. Sprachliche Vielfalt ist ein Schatz, den wir hüten sollten. Doch heute sind wir mehr als je zuvor auf eine gemeinsame Sprache, globales Denken und internationale Kooperation angewiesen. Kampf gegen den Terrorismus, Klimawandel, Bevölkerungsexplosion und Migrationen, die Ungleichverteilung von Wohlstand, Ressourcen und natürlichen Lebensgrundlagen betreffen uns alle. Kein Land wird diese Probleme noch alleine lösen können. Wir müssen uns gemeinsam auf Probleme verständigen, miteinander Lösungen abstimmen und partnerschaftlich Strategien umsetzen. Dazu müsste die Welt lernen, mit einer Sprache zu sprechen: der Sprache der Menschlichkeit, eine Sprache, die Gräben überwindet und Verantwortung ausdrückt und den Menschen unabhängig von Volk, Kultur und Religion eine Stimme gibt.

Warum eine Sprache der Menschlichkeit? Bisher ist der globale Dialog ein Dialog der Eliten – er klingt oft abgehoben. Viele Begriffe sind oft sogar der militärischen Terminologie entlehnt. Kein Wunder, dass bei Konflikten zuerst daran gedacht wird, den Gegner niederzuringen. Doch wenn unser Wohl mehr als früher direkt vom Wohl aller Menschen abhängt, darf es keine Sieger und Verlierer geben.

Wie kann eine Sprache die Gräben überwinden? Suzanne Mubarak, die First Lady Ägyptens, fordert: „Wir brauchen eine gemeinsame Sprache, die es uns zuerst einmal erlaubt, unsere Unterschiede zu benennen, so dass wirkliches Verstehen einsetzt.“ Studien wie der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung haben gezeigt, dass es vergleichbare Werte in den Weltreligionen gibt. Wenn wir im Dialog zuhörten, wüssten wir um die Gemeinsamkeiten und verstünden uns besser. Letztlich bleibt eine Frage: Wie kann eine Sprache allen eine Stimme geben? Doch nur, wenn sie von vielen gehört und verstanden wird.

Die nicht-westlichen Gesellschaften bilden den größten Teil der Weltbevölkerung. Sind sie nicht genauso von der Globalisierung betroffen? Haben sie nicht auch das Recht auf Wohlstand, Zuwendung, Respekt ihrer Kulturen und Achtung ihrer Werte?

Zukünftige Generationen werden die Welt übernehmen müssen, die ihnen die Vorgänger-Generationen hinterlassen. Was wir heute unternehmen, entscheidet über die Spielräume der Welt von Morgen. Humanität und Solidarität, Respekt und Achtung sprechen eine eindeutige Sprache, die überall verstanden wird!

Die Autorin ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung.

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