POSITIONEN : Eltern verdienen mehr

Der Staat muss Familien unterstützen – als öffentliches Gut.

Gesine Schwan
Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Wer plädiert nicht alles für „sozialen Zusammenhalt“! Angela Merkel, Peer Steinbrück, zahllose Akademietagungen, Ringvorlesungen ... Nun hat SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles in dieser Sache einen mutigen Schritt voran getan. Und zwar mit ihrer Idee zur Zeitentlastung von jungen Eltern, die dafür finanziell vom Staat unterstützt werden sollen. Prompt wurde sie von FDP-Generalsekretär Patrick Döring attackiert, weil sie angeblich mit der Forderung nach finanzieller Unterstützung von Familienarbeit endgültig ihre „Bodenhaftung“ verloren habe.

Was schafft gesellschaftlichen Zusammenhalt? Historisch war der Zusammenhalt de facto oft in materiellen oder wirtschaftlichen Abhängigkeiten gegründet, keineswegs vorrangig in moralischen, gar solidarischen Überzeugungen. Der Freiheit moderner demokratischer Gesellschaften wäre es jedoch unangemessen, wenn allein oder vorwiegend Abhängigkeiten, also Zwang, den Zusammenhalt zwischen den Menschen stifteten. Freilich wäre es umgekehrt auch naiv anzunehmen, dass ausschließlich freie Entschlüsse der Individuen für einen verlässlichen Zusammenhalt ausreichten. Erforderlich ist eine Verbindung von freiwilliger Zustimmung und institutionell ebenso wie durch Gewohnheit, Gefühl und Pflicht gestützter gegenseitiger Verbundenheit.

Ein wichtiges Element in dieser Verbindung ist das Recht. Es baut in westlichen Systemen auf dem individuellen Freiheits- bzw. Eigentumsrecht auf, das den sozialen Zusammenhalt über Gegenseitigkeitsverpflichtungen stiftet. Damit Individuen diese wirksam eingehen, brauchen sie aber über ihre je individuellen Bedürfnisse hinaus ein originäres Gefühl der Zusammengehörigkeit und der gegenseitigen Verpflichtung.

Der traditionelle Ursprungsort solcher Gefühle ist seit alters die Familie. Ihr kommt deshalb für den Zusammenhalt der Gesellschaft eine historisch und systematisch zentrale und unverzichtbare Rolle zu. Eine Politik, die angesichts der aktuellen Herausforderungen insbesondere der Arbeitswelt Familien ermöglicht, ist daher keine reine Frauenangelegenheit, auch kein „Gedöns“, sondern der entscheidende „Boden“ für unser aller freiheitlich demokratische Zukunft.

Viele haben inzwischen begriffen, dass wir dazu eine neue partnerschaftliche Rollenvereinbarung in der Familie brauchen, die es beiden Eltern ermöglicht, sich frei über die Aufteilung von Familien- und Berufsarbeit zu verständigen. Eine kleinere Zahl von Zeitgenossen (aber immerhin auch die Familienministerin) haben realisiert, dass es dabei nicht nur um Krippen und Ganztagsschulen geht, dass also die Familie nicht einfach „ausgesourct“ werden sollte, sondern dass beide Eltern gegenüber der Arbeitswelt auch mehr Zeit brauchen; für die Familie und nicht zuletzt für die Partnerschaft selbst, die für das Gelingen von Familie nicht unerheblich ist.

Ganz wenige haben bisher verstanden, dass dieser zusätzliche Zeitaufwand für die Familie nicht einfach privat, zum Beispiel durch geringere Einkommen bei reduzierter Arbeitszeit finanziert werden kann. Dies gilt zumal für Geringverdiener (was heute viele junge Menschen betrifft).

Wenn partnerschaftliche Familien aber für den sozialen Zusammenhalt und die Zukunft unserer freiheitlichen Gesellschaften eine entscheidende Rolle spielen (und im Übrigen auch mehr denn je gewünscht werden), dann liegt es nahe, sie öffentlich finanziell zu unterstützen. Wie der finanzielle Ausgleich im Einzelnen organisiert werden sollte (bis in die Versicherungssysteme hinein), ob über das von Andrea Nahles angeregte Modell oder durch andere, muss durchgerechnet und pragmatisch entschieden werden. Allerdings geht es dabei nicht nur um die „Rush Hour“ des Lebens, wenn kleine Kinder und Karriereaufbau zusammenfallen. Pflege für kranke und alte Menschen gehört auch zur Familienarbeit, vermutlich zunehmend.

Grundsätzlich sollten wir endlich die partnerschaftliche Familie als Boden eines verlässlichen freiheitlichen und gerechten Zusammenhalts unserer Gesellschaft begreifen – und eben deshalb als ein „öffentliches Gut“!

Die Autorin ist Präsidentin

der Humboldt-Viadrina School

of Governance Berlin.

2 Kommentare

Neuester Kommentar