POSITIONEN : Es zählt nicht nur der Kopf

Wir müssen Kindern mehr Bewegungsfreude vermitteln.

Clemens Muth
Foto: privat
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Der Anteil der bei der Deutschen Krankenversicherung versicherten Kinder und Jugendlichen mit der Diagnose Fettleibigkeit hat sich innerhalb von vier Jahren um mehr als 50 Prozent erhöht. Mittlerweile sind über sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland adipös, also krankhaft übergewichtig. Diese Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs, weil Adipositas nicht immer ärztlich festgestellt und begleitet wird. Andererseits ist der Trend zu mehr Diagnosen auch ein guter, denn er zeigt, dass das Thema stärker ins Bewusstsein der Eltern und Kinderärzte gerückt ist.

Adipositas ist nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ein zunehmendes Problem. Der erwachsene Durchschnittsamerikaner bringt im Schnitt jedes Jahr 430 Gramm mehr auf die Waage als im Vorjahr. In den USA ist fast jeder dritte Erwachsene adipös, weiterhin mit steigender Tendenz. Die Ursachen für das wachsende Übergewicht sind weltweit dieselben: Wir essen mehr, bewegen uns aber weniger. Unsere Arbeit erledigen wir zunehmend im Sitzen, auch das Freizeitverhalten ändert sich. Zwar treiben immer mehr Menschen etwas Sport, gleichzeitig wächst aber auch die Zeit, die wir sitzend verbringen.

Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist diese Entwicklung alarmierend. Mediziner erachten eine Fettleibigkeit im Alter von zwölf Jahren als eine in vielen Fällen irreversible Beeinträchtigung der Gesundheit. Sehr starkes Übergewicht ist kein kosmetisches Problem, es ist eine schwere Gesundheitsstörung, die schon bei Kindern Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann. Die adipösen Kinder, die bei der DKV versichert sind, brauchen bereits heute ein Drittel mehr medizinische Leistungen als ihre gleich versicherten Altersgenossen. Bei den Krankenhausleistungen sind die Ausgaben sogar fast um zwei Drittel höher. Manche dieser Kinder und Jugendlichen bekommen Krankheiten, die normalerweise erst jenseits der 60 auftreten: Gefäßverkalkung, kaputte Gelenke oder Diabetes mellitus, der umgangssprachlich noch vor einigen Jahren Alterszucker genannt wurde.

Was können wir tun? Wir sprechen viel über die Bildung unserer Kinder, über Pisa, Naturwissenschaften im Kindergarten und Fremdsprachen in der Grundschule. Das ist gut so. Aber wir müssen sehen, dass unsere Kinder auch einen Körper haben, dass sie wachsen, dass sie ständig schneller, stärker und geschickter werden, wenn wir sie nicht davon abhalten. Körperliche Erfolge sind für Kinder wichtig: Fahrrad fahren lernen, schwimmen können, auf einen Baum klettern – das ist für Kinder mindestens so schön wie die guten Noten in Mathematik.

Das Erleben ihres Körpers und viel Bewegung geben unseren Kindern Freude und Selbstbewusstsein, sie fördern Intelligenz und Sozialverhalten und sie sind die beste Vorbeugung gegen Übergewicht. Wir müssen daher Kindern ermöglichen, ihren Körper und ihre motorischen Fähigkeiten voll zu entwickeln. Wo die Bewegungsfreude nicht im Elternhaus vermittelt wird, sind die Schulen stärker gefragt. Doch gerade der Schulsport führt an vielen Schulen ein Schattendasein. Die drei Stunden Sportunterricht pro Woche sind zu knapp bemessen und fallen häufig aus.

Manche Grundschulen haben begonnen, gegenzusteuern und jeden Tag Schulsport anzubieten. Das ist nicht leicht, denn gegen den Leistungsdruck der kognitiven Fächer muss jede Stunde Bewegung mühsam erkämpft werden. Erfahrungen zeigen: Täglicher Schulsport steigert nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit der Schüler und reduziert den Anteil Übergewichtiger, auch das Sozialverhalten und die Leistungen in den kognitiven Fächern verbessern sich. Mit Blick auf die Dimension der Fettleibigkeit unter Kindern in Deutschland verdient gerade der Schulsport seinen Platz. Bewegungslosigkeit macht dick und krank, Bewegung macht glücklich, gesund und erfolgreich. Gönnen wir sie unseren Kindern!

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenversicherung.

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