POSITIONEN : Europa, Pakistan und die Umma

Den Flutopfern muss dringend geholfen werden, fragt sich nur: von wem?

Henryk M. Broder

Gestern hat der Präsident der EU-Kommission, Jose Manuel Barroso, neue Initiativen angekündigt, um Pakistan nach der verheerenden Flutkatastrophe zu helfen. Eine internationale Geberkonferenz soll Geld für den Wiederaufbau des Landes bereitstellen, die EU eine „aktivere Rolle“ bei der Organisation der Katastrophenhilfe übernehmen.

Wer in den letzten Tagen die „Tagesschau“ oder „Heute“ gesehen hat, wird Barroso zustimmen: Pakistan muss geholfen werden, kein Land der Welt wäre in der Lage, mit einer solchen Naturkatastrophe aus eigener Kraft fertig zu werden, egal wie gut oder wie schlecht es regiert wird.

Die Frage ist nur, ob Barroso seinen Appell nicht besser an eine andere Adresse hätte richten sollen. Denn während die „Ärzte ohne Grenzen“ bei ihrer Tätigkeit in Pakistan auf „die kulturellen und religiösen Traditionen achten“, was dazu führen kann, dass sie Frauen nicht behandeln können, wenn deren Männer es nicht wünschen; während pakistanische Soldaten in den Katastrophengebieten aus Anlass des Nationalfeiertages Fahnen verteilen, und während die Taliban dazu aufrufen, keine Hilfe von den Ungläubigen anzunehmen, hält sich die „Organisation der Islamischen Konferenz“ (OIC), die größte islamische Organisation weltweit und die zweitgrößte überhaupt (nach den UN), auffällig bedeckt.

Die OIC wurde 1969 in Rabat/Marokko nach einem Brandanschlag auf die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem gegründet. Ihr gehören heute 57 Staaten auf vier Kontinenten an. Sie versteht sich als die „kollektive Stimme der muslimischen Welt“, ihre Aufgabe ist es, „die Interessen der muslimischen Welt zu behüten und zu beschützen, im Geiste des friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Völker der Welt“.

Auf ihrer Homepage kann man auch nachlesen, womit sie sich in diesen Tagen beschäftigt. Die Topmeldung des Tages lautet: „Der Generalsekretär der OIC empfängt den neuen Repräsentanten des Iran.“ Das ist für den Anfang schon mal nicht schlecht, es könnte ja sein, dass die beiden über Hilfen für Pakistan beraten haben. Leider steht in der Meldung nichts darüber. Die nächsten Mitteilungen sind noch aufregender: Der Generalsekretär der OIC lobt den „Hüter der zwei Heiligen Moscheen, König Abdullah“, für eine Ausführungsbestimmung zu einer Fatwa; er richtet anlässlich des Weltjugendtages „eine Botschaft an die Jugend der Welt“ und äußert sich „besorgt über die Lage in Kaschmir“. Es folgt eine Grußbotschaft an die Umma (die Gemeinschaft aller Gläubigen) aus Anlass des Ramadan. Endlich, an sechster Stelle, richtet der Generalsekretär einen Appell an die „Mitgliedstaaten der OIC, ihre Bürger, Wohltäter, gesellschaftlichen Organisationen, an alle Menschen guten Willens der internationalen Gemeinschaft“ zugunsten der Opfer der Flutkatastrophe zu spenden. Mehr ist nicht drin. Offenbar verfügt die OIC über zu wenig Personal und keine eigenen Ressourcen, um mit gutem Beispiel voranzugehen und Pakistan auf eine Weise zu helfen, die auch die Taliban zufriedenstellen würde.

Der Präsident der EU-Kommission schließlich wird auf der Homepage der OIC vergeblich nach einer Meldung über die Angehörigen der Hilfsorganisation „International Assistance Mission“ suchen, die vor knapp zwei Wochen im Norden von Afghanistan ermordet wurden, weil sie missioniert oder spioniert haben sollen. Es waren Ärzte, Menschen guten Willens, die Kranken helfen wollten. Sie haben ihre Hilfsbereitschaft mit ihrem Leben bezahlt. Dem Generalsekretär der OIC sind sie keine Zeile wert.

Aber wenn demnächst ein Karikaturist den Propheten Mohammed beleidigt, wird die OIC den Kampf gegen die grassierende Islamophobie wieder auf die Tagesordnung setzen und sich der verletzten Gefühle der Muslime annehmen. Und die Fürsorge um die Opfer von Naturkatastrophen den „Ungläubigen“ überlassen, soweit diese nicht von den Taliban an der Arbeit gehindert werden.

Der Autor ist Reporter beim „Spiegel“.

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