Meinung : Positionen: Für Hitler gestimmt, für Prag gekämpft

Robert Luft

Waren die Sudetendeutschen die "fünfte Kolonne Hitlers", wie der tschechische Premier Zeman kürzlich behauptete?

Als im März 1938 die Republik Österreich ihren Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland erklärte, regierte in Prag ein Mehrparteienkabinett. In dieser demokratisch gewählten Regierung arbeitete tschechische und deutsche Sozialdemokraten mit tschechischen und deutschen Christlich-Sozialen und mit tschechischen, slowakischen und deutschen Bauernparteien zusammen. Die Tschechoslowakei war damals der letzte funktionierende demokratische Rechtsstaat in Mitteleuropa - und deshalb eines der wichtigsten Asylländer Europas, gerade auch für Deutsche.

Konrad Henlein, der Führer der Sudetendeutschen Partei (SdP), der stärksten politischen Gruppierung der Deutschen, setzte die Regierung in Prag unaufhörlich unter Druck. Sein Gespräch mit Hitler vom 28. März 1938 fasste er so zusammen: "Wir müssen also immer soviel fordern, dass wir nicht zufrieden gestellt werden können." Mit ihrem Alleinvertretungsanspruch für die "deutsche Kultur- und Schicksalsgemeinschaft" erzwang die SdP erst einmal den Rücktritt der deutschen liberalen, christlichen und sozialdemokratischen Minister und dann schrittweise die Selbstauflösung und Eingliederung der demokratischen Parteien in die nationale Einheitspartei. Insofern haben Sudetendeutsche mit Hilfe des nationalsozialistischen Deutschlands der politischen Pluralität und den demokratischen und republikanischen Traditionen der Deutschen in der Tschechoslowakei ein - zunächst unblutiges - Ende bereitet.

Wer bei den Wahlen 1935 oder auch noch den Kommunalwahlen 1938 die Sudetendeutsche Partei wählte - dies waren nicht alle Deutschen, aber die überwältigende Mehrheit -, handelte bewusst konfliktverschärfend. Als Kämpfer einer "fünften Kolonne" oder Hochverräter wurde er damals aber nicht angesehen. Prag hat kein Verbot der SdP angestrebt, obwohl sie in ihrem Zusammenwirken mit Hitler spätestens 1937/38 den Boden der Verfassung verlassen hatte.

Dem Mobilisierungsbefehl der Tschechoslowakei entzog sich 1938 jedoch nur eine Minderheit von einigen hundert jungen sudetendeutschen Männern, die sich ins Großdeutsche Reich absetzen, um dort ein Freikorps zu bilden. Die Mehrheit, also auch viele, die ganz offensichtlich der Sudetendeutschen Partei ihre Stimme gegeben hatte, folgte der Einberufung in die tschechoslowakische Armee. Später arbeiteten (sudeten)deutsche und tschechische Widerstandsgruppen im Lande wie im Exil zusammen.

Zweifellos war die Sudetendeutsche Partei Ende 1937 ein Instrument für die Pläne Hitlers geworden. Es ist müßig, zu spekulieren, ob das Schicksal der Tschechoslowakei anders verlaufen wäre, wenn die sudetendeutsche Frage nicht den Hebel für die nationalsozialistische Großraumpolitik geboten hätte. Unbestreitbar bekamen die nationalen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Tschechen durch Hitler eine neue Dimension. Vielen Deutschen in der Tschechoslowakei waren nationale Autonomie, nationale Einheit und "ein einzig deutsches Vaterland" wichtiger als Demokratie und Rechtsstaat. Sie strebten nach Trennung und Separierung vom Tschechischen, nicht aber nach Vernichtung der tschechischen Nation und Kultur.

Der 1944/45 erreichte Konsens unter den Alliierten in West und Ost, dass politische Stabilität in Ostmitteleuropa ohne Aussiedlung der Deutschen nicht möglich sein werde, ist nicht allein durch das Verhalten deutscher Volksgruppen wie der Sudetendeutschen zu erklären. Sondern erst durch die nationalsozialistische Besetzung und Unterdrückung sowie den Holocaust. Die Fragen von Schuld, Rache und Gerechtigkeit waren dabei nicht Ausgangspunkt und Grundlage, sondern eher argumentative Stützen. Ungeachtet aller nationalen Feindschaft vor 1938 war es der Nationalsozialismus, der mit dem Münchner Abkommen und der Eroberungspolitik die Bindungen des Großteils der tschechoslowakischen Deutschen an ihren Staat und die begonnene Integration zerstörte.

Seit Ende der 80erJahre arbeiten tschechische und deutsche Historiker in Forschungsprojekten, in der Schulbuchkonferenz, der Historikerkommission zusammen. Sie haben viele neue Veröffentlichungen vorgelegt, die zeigen, dass die Feindbilder, die der Nationalismus und der Kalte Krieg im 20. Jahrhundert auf allen Seiten produzierten, nichts anderes als politische Instrumente waren und sind. Diese neuen Sichtweisen und Kenntnisse erreichen die Öffentlichkeit und auch die Schulbücher, wie üblich, erst mit Verspätung.

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