Positionen : Geiseln auf einem Narrenschiff

Israel wird immer autistischer und hört nur noch sich selbst zu. Das heißt aber nicht, dass alle Feindseligkeit nur eingebildet ist. Israel ist nicht von Freunden umzingelt.

Natan Sznaider

Es gab Zeiten, da war jüdische Identität fest mit universalen Werten und Menschenrechten verbunden. Die Identität und die Werte überschnitten sich. Es sieht danach aus, als ob diese Verbindung in Israel gekappt worden ist. Die Sprache der Menschenrechte gibt uns einen kognitiven und emotionalen Rahmen, der uns sagt, warum es uns nicht egal sein kann, wenn fremde Menschen grausam behandelt werden. Menschenrechtsverletzungen werden zu Angelegenheiten aller. Diese Sprache ist in diesem Land verstummt. Seine Bürger fahren als Geiseln auf einem Narrenschiff, das in die Isolation steuert.

Nach dem 2. Weltkrieg und der millionenfachen Vernichtung von Juden gab es für die Überlebenden eine klare Alternative: die nationale Souveränität Israels. Was ist aus dieser Souveränität geworden? Wovor fürchtet sich dieser Staat, dass er immer wieder überreagiert, Feinde nicht nur dort sieht, wo sie wirklich sind, sondern auch dort, wo man sie getrost übersehen kann. Bedeutet Souveränität nicht auch Gelassenheit, ein Gefühl der Stärke, dass man in sich ruht und weiß, wie man souverän mit Macht umgeht?

Warum ist Israel so schwach geworden, dass es sogar seine engsten Verbündeten ins Abseits der Scham drängt? Israels Intellektuelle verurteilen, schreiben kluge Worte über die Ohnmacht der Macht und die Macht der Moral. Doch damit lassen sie Bürger und Politiker allein in der Frage, wie man mit konkreter und eingebildeter Bedrohung umgeht.

Also warum das Gehabe? Warum die Notwendigkeit, der Welt, den eigenen Bürgern, den wahren und eingebildeten Feinden zu beweisen, dass man nicht bereit ist, in einer vernetzten Welt auch nur auf einen Millimeter Souveränität zu verzichten?

Man ist nicht souverän. Jüdische Souveränität war immer voller Widersprüche. Das jüdische Israel ist, gemessen an den Maßstäben des kosmopolitischen Nachkriegseuropas, gefangen in Anachronismen von Besatzungsmacht und Kriegskultur. Es glaubt an die nationale Souveränität und die partikularen Rechte des jüdischen Volkes, das in einem feindlichen Umfeld überleben will. Außer einigen wenigen jüdischen Intellektuellen innerhalb und außerhalb Israels glauben weder die Politiker noch eine große Zahl jüdischer Bürger in Israel an transnationale oder kosmopolitische Ideale, die einst mit jüdischer Kultur verbunden waren. Ganz im Gegenteil: der jüdische Luftmensch wird als Ursache der Auslöschung der Juden verstanden. Und so werden Kritiker Israels als potenzielle Feinde behandelt, an den Grenzen abgewiesen, da man gar nicht mehr hören will und kann, dass es Alternativen gibt. Die Wagenburg wird täglich enger. Man will keine Stimmen von außen und von innen mehr hören. Das Land wird immer autistischer und hört nur noch sich selbst zu. Der zionistische Traum von Normalität, die Hoffnung, dass Souveränität auch Normalität beinhaltet, ist in Israel zum Albtraum geworden.

Das heißt aber nicht, dass alle Feindseligkeit nur eingebildet ist. Israel ist nicht von Freunden umzingelt. Ganz im Gegenteil. Noch gibt es genug Kräfte, die dem Land und seinen Bürgern das Existenzrecht absprechen und auch bereit sind, dafür zu kämpfen. Israel aber ist stark genug, diesen Kampf gelassen anzugehen, seinen Bürgern zu vermitteln, dass es stark genug ist, sich zu verteidigen, aber auch stark genug, auf Souveränität zu verzichten, wo es politisch nützlich sein kann. Manchmal kann Verzicht auf Souveränität diese auch stärken.

Israel braucht sich nicht vor seinen arabischen Bürgern zu fürchten, die sich längst mit der jüdischen Souveränität abgefunden haben. Israel braucht sich nicht vor radikalen Professoren zu fürchten, die kritisch mit Macht umgehen. Israel braucht sich nicht vor Narrenschiffen zu fürchten, die die Blockade von Gaza aufbrechen wollen. Das Land ist stark genug. Zionismus heißt, gelassen mit der eigenen Macht umzugehen und die Feinde dort zu erkennen, wo sie sind. Das ist Normalität.

Der Autor ist Professor für Soziologie in Tel Aviv.

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