POSITIONEN : Generation Praktikum in Nigeria

„Weltwärts“ ist gut für junge Deutsche, nicht für die Dritte Welt

David Harnasch

Vor einigen Wochen bestieg der tausendste junge „weltwärts“-Reisende ein Flugzeug in ein Entwicklungsland, vielleicht nach Mexiko oder Nigeria. Er ist vermutlich beseelt vom Wunsch, dort zu helfen und voller Erwartungen an sein mehrmonatiges Praktikum in einer karitativen Einrichtung. Wahrscheinlich wird er Kinder betreuen. Falls er schon über eine entsprechende Qualifikation verfügen sollte, wird er vielleicht ein Computernetzwerk warten oder Hütten bauen. „Weltwärts“ bezeichnet hier nicht nur diffus die Richtung der Reise, sondern auch den Sponsor: „Weltwärts“ ist der Name eines Förderungsprogramm des Entwicklungsministeriums (BMZ), das seit diesem Januar in Kraft ist und solche Trips bezahlt.

Bis dahin musste jeder, der ein derartiges Praktikum absolvierte, für seine Reise- und Unterbringungskosten selbst aufkommen, sofern er überhaupt einen der raren Auslandsplätze ergattern konnte. Hierin sah Heidemarie Wieczorek- Zeul eine hohe Hürde für junge Menschen aus ärmeren Familien. Mit einem jährlichen Finanzvolumen von 70 Millionen Euro bezahlt das BMZ ab 2008 bis zu 10 000 Einsatzplätze pro Jahr für junge Deutsche zwischen 18 und 28 Jahren.

Dass durch diese Förderung das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage bei den Praktika eher verschärft wird, ficht das Ministerium nicht an, man wertet das Programm bisher als vollen Erfolg. Allerdings plante keiner der gefragten Träger neue Stellen wegen des ministeriellen Geldsegens. Um 75 Prozent der Einsatzkosten beziehungsweise maximal 580 Euro monatlich pro Platz erstattet zu bekommen, muss sich die entsendende Organisation beim BMZ qualifizieren – und nicht etwa der Bewerber. Die Förderung kassiert also unterschiedslos jeder Teilnehmer, auch die überwältigende Mehrheit, die aus wohlhabenden Akademikerhaushalten kommt.

Ob die 70 Millionen Euro gut angelegt sind, darf auch aus anderen Gründen bezweifelt werden. Entwicklungshilfe gilt als moralisch einwandfrei, die Effizienz der eingesetzten Mittel wird selten hinterfragt. Dabei können gerade in der Dritten Welt mit sehr wenig Geld dramatische Verbesserungen der Lebensumstände erreicht werden. Ein Beispiel ist die Versorgung unterernährter Kinder mit Zink und Vitamin A. 140 Millionen Kinder sind weltweit betroffen, vier Fünfteln könnte man schon mit 40 Millionen Euro helfen.

Zwar betont das BMZ die persönlichkeitsbildende Wirkung eines freiwilligen Dienstes für den Praktikanten. Doch das bedeutet zu Ende gedacht: Bildung ist nun nicht mehr Sache der Bundes- sondern der Entwicklungsländer. Der Praktikant soll sich solidarisieren mit seinen Gastgebern und, wieder daheim, seine Mitmenschen für deren Probleme sensibilisieren. Allerdings erhält er mit 100 Euro monatlich mehr Taschengeld als vielerorts seine einheimischen „Kollegen“ und Vorgesetzten regulär verdienen.

Die ersten Freiwilligen berichten begeistert von ihren Erlebnissen. Bis man sie fragt, wieso das Geld für ihren Einsatz vor Ort mehr Elend lindert, als es derselbe Betrag täte, wenn man davon zum Beispiel Einheimische beschäftigte. Wer die Frage nicht als „gemein“ empfindet, räumt ein, nicht von großem Nutzen zu sein. Einer führte immerhin zu Recht an, gegen die im Gastgeberland grassierende Korruption immun zu sein. Wer sich bereichern will, geht kaum für ein Taschengeld in die Dritte Welt. Zwar könnte sich auch bewerben, wer eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Studium absolviert hat, praktisch geschieht das aber nach übereinstimmender Auskunft der Entsender fast nie. Profis kassieren volle Gehälter – oder arbeiten völlig ehrenamtlich. Fast alle Bewerber kommen frisch vom Gymnasium, einige leisten ihren Zivildienst ab, andere überbrücken die Zeit zum Studium. Erreicht das BMZ also die eigenen Ziele, exportiert es mittelfristig jedes Jahr zehntausendmal in die Dritte Welt, was dort am wenigsten gebraucht wird: ungelernte Arbeiter.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Freiburg.

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