POSITIONEN : Grünes Asien

Wird Europa in Ökologie und Nachhaltigkeit überholt?

Martin Jänicke
Foto: promo
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Die asiatischen Länder, allen voran China, sind ein oft beschworenes Schreckgespenst der Stammtische. Jede Woche ein neues Kohlekraftwerk in China. Eine Automobil-Lawine in Indien. Die schadstoffhaltigen Billigangebote, die den deutschen Markt überschwemmen.

Da mag die folgende Geschichte überraschen: Anfang dieses Jahres haben 26 asiatische Akademien der Wissenschaften ein „grünes“ Wirtschaftsprogramm veröffentlicht. Unter dem Titel „Nachhaltiges Asien“ wurde ein Zukunftskonzept für die Region vorgestellt. Während die OECD eine „grüne“ Wachstumsstrategie entwickelt und die EU-Kommission ein nachhaltiges „Europa 2020“ proklamiert, erfolgt hier ein programmatischer Paukenschlag.

Ausgangspunkt des Programms ist die These, dass das „Asiatische Entwicklungsmodell“ bisher zwar äußerst erfolgreich war, aber ökonomisch und ökologisch an Grenzen stoße. Die Vorteile im Vergleich zu den alten Industrieländern – niedrige Löhne und billige Rohstoffe – gingen verloren. Das auf „extensiven“ Rohstoffeinsatz getrimmte Wachstumsmodell stoße auf erhebliche „Umwelt- und Ressourcenprobleme“. Der asiatische Export sei auch mit „grünen Handelsbarrieren“ in den entwickelten Industrieländern konfrontiert.

In der Überwindung dieser Probleme wird nun eine entscheidende wirtschaftliche Chance gesehen. Die 26 Akademien fordern: „Asien muss neue Triebkräfte entwickeln (…) und sein Entwicklungsmodell ändern, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen.“ In fast wörtlicher Übereinstimmung mit dem EU-Programm „Europe 2020“ wird ein „neues Entwicklungsmodell“ entworfen, „das grün, kohlenstoffarm, intelligent, innovativ, kooperativ und inklusiv“ ist. Umweltschutz wird nicht mehr als Kostenfaktor abgetan. Staatliche Umweltregulierungen hätten vielmehr „einen starken Einfluss auf grüne Innovationen“.

Das Programm verdient nicht nur Interesse, weil es den Innovationsstrategien der OECD oder der EU-Kommission ähnelt. Sondern den 26 Akademien geht es um mehr – um einen asiatischen Sonderweg nachhaltiger Entwicklung. Asien hat eine Tradition des Einholens und Überholens der westlichen Länder. Darauf wird angespielt: Die Region habe als „Spätstarter“ spezielle Chancen. Für eine Aufholstrategie bestünden „günstige Voraussetzungen“. Genannt wird der Vorteil einer „hoch effizienten“ „starken Regierung“. Vorteilhaft seien ebenso die großen Märkte und eine „wachsende Innovationsfähigkeit“. Hervorgehoben wird die asiatische kulturelle Tradition, die nicht nur die Tugend der Sparsamkeit und die Arbeitsmoral, sondern auch die „Harmonie von Mensch und Natur“ betont. Auch die reichen Potenziale für Wasserkraft, Solar-, Wind- oder Bioenergien werden als Chance gesehen.

Das Dokument ist symptomatisch für die neue asiatische Identität, die sich mit hoher Geschwindigkeit entwickelt. Auf dem „World-Knowledge-Forum“ in Seoul, einem asiatischen Forum von Wirtschaft und Wissenschaft, wurde im letzten Oktober zu Protokoll gegeben: An die Stelle der früheren „Verwestlichung“ trete nun die „Asiatisierung“.

Für die Europäer kann es zunächst einmal tröstlich sein, dass sie hierbei eine starke Vorbildfunktion haben. Überdies ist Europa für den neuen „Systemwettbewerb“ gut gerüstet. Es hat den europäischen Markt so mit Umweltregulierungen verändert, dass er ausländische Anbieter oft zur Anpassung zwingt. Europa hat auch durch den starken Einfluss einzelner Pionierländer eine Offenheit, die für neue Lösungen relativ gut geeignet ist. Bei den Patenten ist die ökologische Modernisierung der EU weit vorangeschritten.

Das wird indes langfristig kaum helfen, wenn Europa nicht entschlossen weiter vorangeht. Auf seiner bisherigen Vorreiterrolle wird sich der Kontinent nicht ausruhen können.

Der Autor war von 1999 bis 2007 Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung und leitete an der FU Berlin die Forschungsstelle Umweltpolitik.

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