Positionen : Ihr werdet euch nach George W. Bush sehnen!

Das Mausoleum ist errichtet. Die Bestatter stehen still bereit. Die Nachrufe sind verfasst, der Totenschein ausgestellt. Nur der Tote weigert sich standhaft, zur eigenen Beerdigung zu erscheinen - die neokonservative Bewegung würde mit einem Präsidenten John McCain wieder erstarken.

Jacob Heilbrunn

Ich meine natürlich die neokonservative Bewegung Amerikas, die den intellektuellen Impetus für George W. Bushs desaströsen Krieg im Irak geliefert hat. Immer wieder ist sie für tot erklärt worden und weigert sich doch zu sterben. Im Gegenteil, John McCains Wahlkampf hat die Bewegung mit neuem Leben erfüllt. Sollte McCain gewählt werden, Bushs Präsidentschaft würde wie die Aufwärmphase für die Herrschaft der Neocons wirken. Anders als Bush, der kaum Interesse an Außenpolitik hat und auch nicht viel davon versteht, würde McCain neokonservative Strategien viel rücksichtsloser verfolgen.

Schon in den späten 90ern begann McCain, sich dem Neokonservativismus zu verschreiben, und verkündete, dass „die Vereinigten Staaten die unentbehrliche Nation sind, weil wir bewiesen haben, dass wir die größte Kraft sind, um Gutes in der Menschheitsgeschichte zu bewirken“. Inzwischen, ein Jahrzehnt später, vertritt keiner das manichäische Weltbild eines Kampfes Gut gegen Böse so offen wie er. Niemand hat den Irakkrieg und unilaterale Interventionen amerikanischer Macht weltweit so sehr befürwortet wie er. Während General David Petraeus vor kurzem im Kongress die Lage im Irak „fragil und unsicher“ nannte, hat McCain wahnhaft davon gesprochen, dass „der Sieg kurz bevorsteht“.

McCains Wahlkampfteam ist voll von Neocons: Sein Chefaußenpolitikberater ist Randy Scheunemann, der vorher das „Project For the New American Century“ geleitet hat, ein Ideengeber für die Neocons in den 90ern und den Plan, im Irak einzumarschieren. Robert Kagan, ein führender Kopf der Neocons, schreibt die meisten seiner Außenpolitikreden. In einem Essay für die einflussreiche Zeitschrift „World Affairs“ behauptet Kagan, die USA seien eine „Neocon Nation“. Und ein guter Freund McCains ist William Kristol, der Herausgeber des neokonservativen „Weekly Standard“ und Kolumnist der „New York Times“.

In seiner Kolumne suggeriert Kristol, McCain sei nicht ein einfacher Präsidentschaftskandidat; sondern viel eher ein Winston- Churchill-Typ, der die USA zum Sieg im Krieg gegen den Terror führen kann. Glaubt man Kristol, dann ist McCain ein „unmoderner Typ. Man könnte ihn auch neoviktorianisch nennen, unnachgiebig, selbstgerecht und moralisierend, aber (oder eher und) männlich, mutig und prinzipientreu“. Die Neocons glauben, dass neue Churchills gebraucht werden, um die neuesten Hitlers im Nahen Osten zu bekämpfen, und dass die Liberalen, die sich diesem Kampf entziehen wollen, die neuen Chamberlains sind, die wie 1938 in München vor dem Bösen einknicken.

Aus Sicht der Neocons verkörpert McCain das Gegenteil dieser Haltung, den Glauben an die amerikanische Größe, die an den Ruhm des britischen Imperiums im 19. Jahrhundert anzuknüpfen vermag. In Wirklichkeit könnte diese anachronistische Überhöhung des Krieges zum höchsten Test von Mannesmut die Vereinigten Staaten genauso ruinieren, wie es das Britische Imperium ruiniert hat.

Trotz ihres bisherigen Scheiterns arbeitet die neokonservative Bewegung in Amerika an ihrem Comeback. Die Neocons haben niemals irgendeinen Fehler eingeräumt. Douglas J. Feith, damals Staatssekretär im Verteidigungsministerium, weigert sich zum Beispiel, einzuräumen, dass er keinen Plan für den Nachkriegsirak vorbereitet hatte. Stattdessen hat er gerade seine Memoiren verfasst, die ihn und die übrigen Neocons als Engel erscheinen lassen.

Die Neocons fordern heute nicht nur einen Sieg im Irak (was auch immer das bedeutet), sondern plädieren für eine Konfrontation mit dem Iran. Bush wird den Iran vermutlich nicht angreifen. Aber die Neocons haben Bush längst hinter sich gelassen. Ihr neuer Held heißt McCain, und der hat bereits verkündet, dass er einen atomar bewaffneten Iran nicht dulden werde. Wird McCain gewählt, die Europäer könnten durchaus noch nostalgische Gefühle für Bush entwickeln.

Der Autor lebt als Publizist in Washington D. C. Gerade ist sein Buch „They knew they were Right – The Rise of the Neocons“ (Doubleday) erschienen. Aus dem Amerikanischen von Moritz Schuller.

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