Meinung : Positionen: Im Osten was Neues

Richard Schröder

Das erste Jahrzehnt deutscher Einigung liegt hinter uns, da sollten wir uns einmal über die Aufgaben des zweiten Jahrzehnts Gedanken machen. Zu den dringlichsten gehört eine Verbesserung unseres Verhältnisses zu Polen. Diese Aufgabe müsste dasselbe Gewicht haben wie die so gut gelungene Aussöhnung mit Frankreich. Doch diese Aufgabe wird im vereinigten Deutschland weniger wichtig genommen. Das hat mehrere Gründe.

Die Oder-Neiße-Grenze ist eine verhältnismäßig junge Grenze und eine harte Grenze, das soll heißen: Es gibt kein Elsaß, dessen Bewohner sich je nach Wunsch als Deutsche oder als Franzosen fühlen können. Das gab es einmal in Oberschlesien. Die Polen, die jenseits dieser Grenze leben, sind Vertriebene oder Umsiedler aus den ehemaligen Ostgebieten Polens. Deutsch-polnische Nachbarschaft war für sie etwas Neues. Lange meinten sie: und etwas Provisorisches.

Dazu kommt eine eher belastende Erfahrung der Nachbarschaft aus DDR-Zeiten. Zwar war Polen für DDR-Bürger ein beliebtes Urlaubsland und es gab wirtschaftliche, sozusagen dienstliche Kontakte. Aber als die Gewerkschaft Solidarnosc in Polen gegründet wurde, machte die DDR die Grenze dicht. Alte Vorurteile wurden von der SED bewusst wiederbelebt und zwar - leider - mit beachtlichem Erfolg. "Die sollen erst einmal ordentlich arbeiten", hieß es und dafür gab es Beifall. Dazu kam der Neid der Mangelwirtschaft. "Die kaufen uns ja alles weg", obwohl auch wir DDR-Bürger in anderen "sozialistischen Bruderländern" nach seltenen Waren fahndeten.

Dazu kam das konfessionelle Problem. In Berlin gab es zu DDR-Zeiten polnischsprachige Gottesdienste, aber nur in den wenigen katholischen Gemeinden. Sofern die DDR-Bevölkerung nicht atheistisch geworden war, war sie mehrheitlich evangelisch. Auch deshalb richtete sich der intensivere Kontakt eher auf die mehrheitlich katholischen Gebiete im Westen. Von dort kam auch eine viel intensivere Unterstützung der Polen zur Zeit des Kriegsrechts. Im Osten wurden damals Lebensmittelpakete nach Polen durch verschärfte Zollbestimmungen zusätzlich erschwert. All dies zusammen hat dazu geführt, dass die Polen die Westdeutschen - aus ihrer Sicht nicht ohne Grund - für die besseren Deutschen halten. Die Ostdeutschen aber sind nun einmal ihre unmittelbaren Nachbarn.

Es gibt da aber noch ein Problem: die europäische Hackordnung. Die Deutschen interessieren sich mehr für die Franzosen als umgekehrt. Die Ostdeutschen interessieren sich mehr für die Westdeutschen als umgekehrt. Sie vergleichen ihre Lebensverhältnisse mit denen der Westdeutschen und nicht mit den polnischen, obwohl uns doch mit ihnen derselbe Ausgangspunkt verbindet: Ausstieg aus Diktatur und Planwirtschaft. Die Polen interessieren sich mehr für Deutschland als umgekehrt. Und in Polen soll es, wurde mir gesagt, den Ausdruck "ukrainische Wirtschaft" reden.

Die Deutschen haben sich, scheint mir, durch das Projekt der Aussöhnung mit Frankreich auch irgendwie geschmeichelt gefühlt. Die Aussöhnung mit Polen schmeichelt ihnen offenbar nicht ebenso. Nun ist die Grenze zu Polen außerdem leider derzeit noch zugleich die EU-Grenze, was sie mit zusätzlichen Problemen belastet. Wir gehören aber bereits demselben Bündnis an.

Da seit Urzeiten Saisonarbeiter aus Polen nach Deutschland kommen, halten offenbar viele die Polen für ein Volk von Saisonarbeitern. Sie sollten sich einmal das nach dem Weltkrieg wiedererrichtete Danzig, die Warschauer Altstadt und Krakau, eine uralte europäische Universitätsstadt, ansehen.

Polen ist eine europäische Kulturnation hohen Ranges, und zwar des lateinischen Europa. Polnische Exilanten haben einen beachtlichen Anteil an der europäisch-nordamerikanischen Freiheitsgeschichte. Rousseaus Buch über die polnische Verfassung, eine Adels-Republik, gehört zu den Schriften, die die Französische Revolution vorbereitet haben.

Und Polen haben einen beachtlichen Anteil an der deutschen Einheit. Sie haben den Widerstand im Kommunismus fantasievoll vorgeführt und den Runden Tisch erfunden. Als die Theoretiker der Gewerkschaft Soldarnosc darüber nachdachten, wie die Demokratie in Polen erlangt werden kann, haben sie gesagt: Wir brauchen einen demokratischen Nachbarn, also: Die DDR muss weg. Das haben sie gesagt, ehe in Ost- oder Westdeutschland die Möglichkeit der deutschen Einigung in nächster Zukunft ernst genommen wurde. Im Übrigen hat auch die Tatsache, dass ein Pole Papst wurde, eine nicht unbedeutende Rolle für die Destabilisierung des sozialistischen Lagers gespielt.

Es gibt für uns Deutsche wahrhaftig genug Gründe für Respekt und Dankbarkeit gegenüber der polnischen Nation und keine Gründe, auf sie herabzusehen. Ich will nicht verschweigen, dass die Schuld, die Nazideutschland gegenüber den Polen auf sich geladen hat, weit schlimmer ist als die gegenüber den westlichen Nachbarn, die Nazideutschland ebenfalls überfallen und besetzt hat. Da aber Schuldgefühle selten zu freier Begegnung motivieren, sollten wir besser auf Respekt und Dankbarkeit setzen. Und gerade denjenigen Ostdeutschen, die sich in Deutschland als Bürger zweiter Klasse fühlen, möchte ich ins Stammbuch schreiben, dass sie daraus nicht das Recht ableiten dürfen, die Polen als drittklassige Europäer zu betrachten, bloß damit sie auch mal auf jemanden hinab sehen können.

Polen muss mit Deutschlands Unterstützung rechnen können bei seinem schweren Weg in die Europäische Union.

Der Autor ist Publizist, war Vizepräsident der Berliner Humboldt-Universität und 1990 Vorsitzender der SPD-Fraktion in der frei gewählten Volkskammer.

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