POSITIONEN : Immer weniger und immer älter

Im Jahr 2050 wird jeder dritte Deutsche über 60 sein: Wir müssen deshalb noch mehr Menschen motivieren, fürs Alter vorzusorgen.

Jens Spahn
Foto: Steohan Baumann
Foto: Steohan Baumann

Norbert Blüm hat recht. Die Rente darf nicht zu einem zweiten Sozialamt werden. Sie ist keine Sozialleistung, sondern Lohn für geleistete Arbeit. Die Höhe der Rente bemisst sich nach den vorher gezahlten Beiträgen. Das schrieb Norbert Blüm vor einigen Tagen an dieser Stelle. Allerdings lässt Blüm die einfache Wahrheit unerwähnt, dass wir in Deutschland immer weniger und immer älter werden. Und das hat naturgemäß Folgen für ein System, das keine Rücklagen kennt und in dem die jeweils Jüngeren die Rente der Älteren zahlen.

Jeden Tag steigt unsere Lebenserwartung um drei Stunden. Vor zehn Jahren standen einem Rentner mehr als zwei Erwerbstätige gegenüber, im Jahr 2040 ist das Verhältnis fast eins zu eins. Wenn ich 70 Jahre alt sein werde, im Jahr 2050, wird jeder dritte Deutsche über 60 sein. Mit der Lebenserwartung steigt aber auch die Zahl der Jahre, die die Menschen jeweils Rente erhalten.

Darauf hat die Politik in Deutschland reagiert: Die heutigen Rentner haben auf einen Teil ihrer Rentenerhöhungen verzichten müssen, während die Jüngeren länger arbeiten, in dieser Zeit relativ hohe Beiträge zahlen und mit einer niedrigeren Rente rechnen müssen. Im Gegenzug wird die private und betriebliche Vorsorge staatlich gefördert. So wird im fairen Ausgleich keine Generation über Gebühr belastet, der Generationenvertrag in das 21. Jahrhundert übersetzt. Das sinkende Rentenniveau birgt aber ohne Zweifel die Gefahr steigender Altersarmut. Dies gilt besonders für Menschen, die lange für niedrige Löhne gearbeitet haben oder über längere Phasen arbeitslos waren. Jeder in Deutschland muss gerade im Alter bekommen, was er zum Leben braucht. Das berührt unser aller Gerechtigkeitsgefühl. Aber es wäre nicht fair, dieses Empfinden um des Applauses willen zulasten der jüngeren Beitragszahler in der Rentenversicherung aufzulösen. Natürlich brauchen diejenigen, deren Rentenansprüche nicht zum Leben reichen, unsere Unterstützung. Diese gehört aber eben nicht ins Rentensystem, sondern muss aus Steuermitteln finanziert werden. Dafür gibt es bereits heute die Grundsicherung im Alter.

Allerdings fragen sich viele Menschen, auch junge, ob es sich überhaupt für sie lohnt, privat vorzusorgen. „Das wird doch nachher eh alles angerechnet!“, warf mir diesbezüglich noch kürzlich ein 26-jähriger Gartenbauer entgegen. Wie können wir noch mehr Menschen motivieren, privat und betrieblich vorzusorgen? Schon ab fünf Euro Sparbeitrag pro Monat – das ist eine Schachtel Zigaretten – sind erhebliche staatliche Zuschüsse möglich. Leider sind diese Angebote gerade bei Geringverdienern noch zu wenig bekannt, zumal die Versicherer sich bisher kaum um diese als Kunden kümmern. Das muss sich ändern.

Das zweite Problem ist die Anrechnung der privaten Vorsorge auf die Grundsicherung im Alter. Denn eines ist ja richtig: Wenn jemand etwas fürs Alter gespart hat, muss er am Ende mehr zur Verfügung haben als derjenige, der sich nur auf die staatliche Hilfe verlassen kann oder muss. Deshalb sollte die private Vorsorge – die staatlich geförderte zumal – zumindest teilweise nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden.

Es ist richtig, dass wir einmal mehr über die Tagespolitik hinaus die Zukunft unserer Rente diskutieren. Denn darin liegt eine der ganz großen gesellschaftlichen Fragen unseres Landes. Allerdings bringt es nichts, zwei Schritte nach vorne und vier zurück zu machen, nur weil es die Kassenlage kurzfristig gerade zulässt, wie es etwa den Linken in der SPD vorschwebt. Das verunsichert die Menschen unnötig. Gemeinsam sollten wir in der Politik auch die Kraft haben, zu einmal getroffenen Beschlüssen auch zu stehen. Die Rentenpolitik ist ein guter Anfang.

Der Autor ist Abgeordneter der CDU im Bundestag.

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