POSITIONEN : Je religiöser, desto toleranter

Glaube als Pfeiler der Identität zu begreifen, wird bis heute in Deutschland oft ignoriert. Muslime sind meist religiös eingestellt – mit ihrer Religiosität steigt aber ihre Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Die Hinwendung zum Islam steht einer gelungenen Integration nicht entgegen.

Aiman A. Mazyek

Der Großteil der Muslime in Deutschland ist religiös und toleranter als landläufig angenommen – das hat kürzlich eine Studie der Bertelsmann- Stiftung ergeben, die in vieler Hinsicht bemerkenswert ist.

Glaube als Pfeiler der Identität zu begreifen, wurde und wird bis heute in Deutschland oft ignoriert. Muslime sind meist religiös eingestellt – mit ihrer Religiosität steigt aber ihre Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Diese für die meisten Muslime selbstverständliche Analogie verwundert eine Reihe unserer Meinungsmacher in Deutschland, ja verunsichert sie bisweilen, weil Vorurteile dadurch ins Wanken geraten. Muslime sind nicht mehr, aber auch nicht weniger radikal als der Durchschnitt der Bundesbürger – auch diese Erkenntnis ist bisher kaum bekannt. Und: Je religiöser, desto größer ist der Hang zur Integration in diesem Land. Bisher erzählte man sich vom gegenteiligen Effekt. Oft werden gar soziale Probleme, Bildungsdefizite und Sprachprobleme im Islam verortet.

Die Studie und eine vergleichbare US-Umfrage unter 50 000 Muslimen in 35 Ländern, die zu ähnlichen Ergebnissen gekommen ist, räumt mit weit verbreiteten Klischees auf. Die Vorurteile haben bisher eine muslimische Scheinrealität beschrieben, die Apologeten wie Necla Kelek mit ihrem Islam-Bashing prominent in Feuilletons und Talkshows am Leben zu erhalten versuchen. Stets mit dem Todschlagargument: Mann/Frau müsse endlich für die schweigende Mehrheit der Muslime sprechen. Doch wo ist diese Mehrheit geblieben? Sie ist, nach der Bertelsmann-Studie zu urteilen, einmal mehr auf fünf Prozent zurecht„gestutzt“.

Werden daraus jetzt die richtigen Konsequenzen gezogen? Bei vielen eher religiös Unmusikalischen in unserem Land ist die Versuchung groß, ihren Widerwillen gegenüber Religion weiter gerade am Islam austragen zu wollen.

Zu groß ist die Lust mancher Kirchenvertreter, ihr Profil um den eigenen Vorteil willen dadurch zu stärken, statt sich solidarisch gegenüber den Muslimen zu erweisen.

Bedauerlich, denn so verschließen sich Politik und Gesellschaft permanent der muslimischen Realität in Deutschland. So werden weiter Scheingefechte geführt, bei denen nicht selten Gemeinden und Religionsgemeinschaften diskreditiert, klein geredet und bisweilen kriminalisiert werden.

Die Hoffung stirbt zuletzt, deswegen mögen hier einige Empfehlungen und Erkenntnisse, wie wir Muslime uns aus diesem Teufelskreis befreien können und wie in Zukunft die Zusammenarbeit für eine bessere Integration zu gestalten ist, genannt werden. Vielleicht fruchten sie irgendwann einmal – in besseren Zeiten!

– Über 90 Prozent der Muslime in Deutschland bezeichnen sich als religiös. Der Bedeutung der sogenannten nichtreligiösen Muslime wurde bisher also offensichtlich zu viel Gewicht beigemessen.

– Gleichzeitig hat man der Bedeutung der Moscheen und Gemeinden – denn religiöses Leben findet ja nun mal dort statt – und deren Religionsgemeinschaften ein viel zu kleines Gewicht beigemessen. Für eine politische und gesellschaftliche Rehabilitierung ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen.

– Das Vorurteil, gelungene Integration ginge einher mit Distanzierung zum Islam, ist hinfällig.

– Glaube und Religiosität als zivilgesellschaftliche Ressource für den Integrationsprozess müssen strukturell, politisch und gesamtgesellschaftlich in den Mittelpunkt gerückt werden.

All das sollte zukünftig beachtet und als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden, will man mit den Muslimen in diesem Land zusammenarbeiten. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund veränderter Bevölkerungsstrukturen in unserem Land empfehle ich das den politischen Parteien und Regierungen, wollen sie zukunftsfähig bleiben; ganz besonders lege ich diese Erkenntnis dem Bundesinnenminister auf der Islamkonferenz ans Herz.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Muslime.

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