Meinung : Positionen: Jenseits von Schuld und Sühne

Gülay Kizilocak

Wie in der vorletzten Woche verbreitete Information, dass 42 Prozent der Berliner Türken im erwerbsfähigen Alter arbeitslos seien, erschien vielen bemerkenswert und hat zu einer regen, bis jetzt noch recht besonnenen Debatte geführt. Damit die Diskussion diesen Charakter behält, erscheinen einige Überlegungen und Informationen zum Thema sinnvoll.

Die in den letzten Wochen immer wieder aufgeworfene Frage nach möglichen Schuldzuweisungen, also ob die Aufnahmegesellschaft oder die türkischen Bürger selbst die Verantwortung für die Situation tragen, ist natürlich berechtigt. Allerdings kann sie auch in die Irre führen: Im gesellschaftlichen Leben sind es zumeist soziale Beziehungen, die Verhaltensweisen erklärbar machen - und nicht isolierte Eigenschaften oder Einstellungen bestimmter Bevölkerungsgruppen. Das ist die Voraussetzung für die folgende Interpretation der Ursachen der Arbeitsmarktsituation der Türken in Berlin.

Zunächst weisen sämtliche Erkenntnisse zur Arbeitsmarktintegration junger Zuwanderer auf einen starken Zusammenhang mit dem Grad der wohnräumlichen Segregation hin. In Bezirken mit einer starken türkischen Konzentration wie Neukölln, Wedding und Kreuzberg ist der Drang in die ethnische Nischenwirtschaft besonders ausgeprägt - man arbeitet am Dönerstand um die Ecke, im Lebensmittelgeschäft des Onkels oder meldet sich, wenn die türkische Community gerade keinen Job zur Verfügung stellt, arbeitslos.

Dies ist nicht nur ein akutes Problem - diese Lebens- und Arbeitweise zementiert die Beschäftigungsprobleme auch langfristig, da auf diese Weise kaum Ausbildungsberufe erlernt werden. Genau deshalb aber steigt das Risiko dauerhafter Beschäftigungslosigkeit.

Die wohnräumliche Segregation, die diese Art zu leben befördert, ist dabei keineswegs immer beabsichtigt - zu einem beträchtlichen Teil ist sie auch Folge des ökonomischen Zwangs, in Vierteln mit schlechter Bausubstanz aber bezahlbaren Mieten zu ziehen. Dass auf dem Wohnungsmarkt zudem Diskriminierung an der Tagesordnung ist, kann kaum jemand bestreiten. "Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber muss ja auch an meine deutschen Mieter denken" ist ein nicht selten aus Vermietermund gehörter Satz.

Diese ohnehin durch die wohnräumliche Segregation angestoßene Entwicklung wird aber noch durch weitere Faktoren verstärkt: Jüngere Türken zeigen im Arbeitsleben nicht mehr die gleiche Opferbereitschaft wie die erste Migrantengeneration. Für letztere war die Vergleichsgröße zur eigenen Existenz noch die wirtschaftliche Lage der Freunde und Verwandten in der Türkei - und da schnitt man als Arbeiter in der Bundesrepublik noch vergleichsweise gut ab.

Heutzutage hingegen sehen sich die jungen Deutsch-Türken eher dem Vergleich mit der deutschen Altersgruppe ausgesetzt. Da sie hier vergleichsweise schlecht abschneiden, versuchen viele zumindest in finanzieller Hinsicht kurzfristig die Nase vorn zu haben. So neigen sie dazu, entsprechend unqualifizierte Jobs anzutreten, anstatt kurzfristig die finanziellen Einbußen einer Ausbildung in Kauf zu nehmen.

Ein weiteres Phänomen verstärkt diese Haltung: Gerade bei der Bewerbung um rare und prestigeträchtige Jobs gehört die Diskriminierung von Türken noch immer zum Alltag. Zuletzt hat das "Zentrum für Türkeistudien" dies im Auftrag des International Labour Office im Jahr 1995 nachgewiesen. Keine Frage, dass dieser Umstand nicht gerade ein Motivationsschub für die nachhaltige Qualifizierung von jungen Türken ist.

In Berlin schlagen diese Einflüsse noch besonders stark zu Buche, weil der Primäre Sektor hier in den letzten Jahren noch weiter zurückgestutzt wurde als anderswo - auch als in der anderen wichtigen Zuwanderungsregion, dem Ruhrgebiet. Somit fiel in Berlin ein klassisches Betätigungsfeld der türkischen Migranten in besonders drastischer Weise weg.

Kurzum: Es gibt damit eine ganze Anzahl von ineinander greifenden Komponenten und Faktoren, die die hohe Arbeitslosigkeit der Türken in Berlin erklärt. Die Aufnahmegesellschaft und die türkischen Zuwanderer sollten an all den Stellen für eine Verbesserung der Situation sorgen, auf die sie Einfluss haben.

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