POSITIONEN : Juden und Türken in Deutschland

Der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen will die Türken zu Opfern des deutschen Rassismus stilisieren. Doch solche Opfermentalität blockiert die vermeintlich Betroffenen. Zwei Minderheiten zwischen überangepasst und unterangepasst.

Rafael Seligmann

Die unfreiwillig tragikomische Aussage von Faruk Sen, seine türkischen Landsleute seien die „neuen Juden Europas“, hat nichts mit der Niederlage der Kicker Anatoliens gegen die deutsche Nationalmannschaft zu tun. Der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen will die Türken zu Opfern des deutschen Rassismus stilisieren.

Doch solche Opfermentalität blockiert die vermeintlich Betroffenen. Sie liefert den Menschen ein Alibi fürs Verharren in einer ihnen unerträglichen Lage und hindert sie an einer aktiven Emanzipation. Es gibt Vorurteile gegen Türken sowie andere Minderheiten und daraus erfolgende Benachteiligungen. Diese Missstände aber sind nicht zu beseitigen, indem man sich darin suhlt.

Die Gedankenlosigkeit des Vergleichs zwischen der einstigen jüdischen Diaspora und der gegenwärtigen türkischen Gemeinde hier kann jedoch als Gelegenheit zur Verbesserung einer verfahrenen Situation dienen. Die Emanzipation der westeuropäischen, insbesondere der deutschen Juden scheiterte nicht nur an tradierten, antijüdischen Vorurteilen des Christentums. Ein anderer Faktor war die Anpassungsbesessenheit der Juden. Deutschlands Hebräer benahmen sich allzu konform und waren obendrein überaus erfolgreich. Musterschüler werden gehasst. Wenn von den Kanzeln gegen sie gehetzt wird, umso ärger.

Die Schweinchenschlau- und Jude-Tüchtig-Wirklichkeit zeitigte Blüten: Im ersten Jahrhundertdrittel stellten die Israeliten bei einem Anteil von gerade 0,7 Prozent der Bevölkerung ein Viertel der deutschen Nobelpreisträger, die Hälfte der Privatbankiers, drei Viertel der Kaufhausbesitzer. Die Juden wollten unter allen Umständen als deutsche Patrioten anerkannt werden. Ebenso wie Industriellenspross Walther Rathenau versuchten viele vergeblich, das Leutnantpatent zu erwerben. Im Ersten Weltkrieg zahlten sie einen ungewöhnlich hohen Blutzoll.

In Berlin war Anfang der zwanziger Jahre jeder zweite niedergelassene Anwalt und jeder vierte Arzt Israelit. Hier lebten der Maler Max Liebermann, Albert Einstein, Max Reinhardt, die Verleger Mosse und Ullstein. Juden betätigten sich als Mäzene und Versöhner. Indes: Die Anpassungs- und Anbiederungsbemühungen – Rathenau etwa forderte eine jüdische „Anartung“ – waren vergeblich. Die deutsch-jüdische Symbiose blieb jüdisches Wunschdenken. Die Deutschen wählten die Nazis trotz oder gerade wegen deren Antisemitismus.

Heutzutage versuchen manche türkische Funktionäre das Scheitern der jüdischen Emanzipationsbemühungen für eine Ghettoisierung ihrerseits zu instrumentalisieren. Er fahre oft mit türkischen Jugendgruppen in KZ-Gedenkstätten, berichtete mir ein Funktionär von Milli Görüs, um ihnen die Vergeblichkeit der jüdischen Anbiederung zu demonstrieren. Fazit: „Bleibt stolze Türken! Die Deutschen wollen euch nicht!“

Das Zementieren des Status quo schadet den hier lebenden Türken. Was die Juden an Emanzipationsbemühungen zu viel leisteten, tut das Gros der Türken in Deutschland zu wenig. An erster Stelle steht die Bildung. Sie war der Schlüssel für den intellektuellen wie den materiellen Erfolg der Juden – und heizte damit parallel den latenten Antisemitismus in Europa an. Bei den Türken ist es heutzutage umgekehrt. Der mangelnde Stellenwert von Bildung und Sprache wirft gerade türkische Jugendliche in der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft zurück. Die Volksgruppe der Türkischstämmigen weist exorbitant mehr Schulabbrecher und weniger Abiturienten auf als die übrige Bevölkerung und verschlechtert damit ihre Berufschancen.

Die Einführung sprachlicher Mindestanforderungen für Zuzügler ist daher keine Schikane, sondern im Gegenteil in Verbindung mit entsprechenden Kursen eine Chance. Die Nazizeit ist vorbei. Die Türken sind keine Juden. Deutschland hat einiges aus seiner Vergangenheit gelernt.

Die Türken sollten es ebenfalls tun. Zum Beispiel, indem ihre Sprecher etwas von der jüdischen Bildungsbesessenheit übernehmen, statt sich als Opfer zu gerieren – das wird ihrer Jugend und der deutschen Gesellschaft insgesamt weiterhelfen.

Der Autor lebt als Schriftsteller und Journalist in Berlin.

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