POSITIONEN : Keine Finanzgrippe in Asien

Heute sind die Märkte der Tigerstaaten stabiler als in der Krise vor zehn Jahren.

Laura Santini

Steht Asien wie vor zehn Jahren vor einer Finanzkrise, als sich eine Seuche über den gesamten Wirtschaftsraum ausbreitete? Das ist die große Frage, nachdem geplatzte Kredite im amerikanischen Markt für minderwertige Hypotheken zu Verlusten bei Finanzinstitutionen in der gesamten Welt geführt haben.

Die Nachricht von notleidenden Krediten bei amerikanischen Hausbesitzern mit schlechter Bonität hat zu massiven Verkäufen an den Börsen weltweit geführt – verschreckte Investoren stießen risikoreiche Anlagen ab. Obwohl nach der Reaktion der US-Notenbank und anderer Zentralbanken die Aufregung der vergangenen Tage ein wenig zur Ruhe gekommen ist, bleibt das Ausmaß der Kreditprobleme unklar, den Investoren steht sicher noch einiges bevor.

„Normalerweise trifft es Asien immer als erstes und Asien erholt sich auch immer als letztes“, sagt Pierre Gave von der Hongkonger Marktforschungsfirma GaveKal. Doch diesmal könnte sich Asien als widerstandsfähiger erweisen. Vergleicht man die heutigen asiatischen Finanzmärkte mit denen von vor zehn Jahren, zeigt sich, wie sehr die Region ihr Finanzsystem in dieser Zeit stabilisiert hat: In den Jahren vor der letzten Krise hatten asiatische Firmen einen tödlichen Cocktail zusammengebraut, der aus kurzfristigem Geld für langfristige Investitionen bestand. Das Geld kam zudem aus der Region selbst. Viele Währungen waren damals an einen immer weiter steigenden US-Dollar geknüpft, was den Export belastete. In Thailand zum Beispiel war eine wettbewerbsfähigere Währung vonnöten, um thailändische Produkte für den Weltmarkt interessanter zu machen. Als Thailand am 2. Juli 1997 den Baht abwertete, waren die Investoren weltweit geschockt. In der Folge kam es zu einer Reihe von Abwertungen in der Region, was es für viele Unternehmen unmöglich machte, ihre Kredite zurückzuzahlen. Und Asiens Zentralbanken verfügten nicht über die nötigen Reserven an ausländischen Währungen, um gegensteuern zu können.

Die gute Nachricht lautet, dass die Situation in Asien heute eine andere ist. Obwohl sie noch immer extrem abhängig sind von den Exporten in die USA, tragen asiatische Unternehmen heute keine große Schuldenlasten mit sich herum. Viele koreanische Firmen, damals die mit den größten Schulden, verfügen heute über Barreserven, die ihnen über eine Exportkrise hinweghelfen sollte. Asiatische Firmen leihen heute außerdem eher lokal als von der Wall Street.

Die Keller der asiatischen Zentralbanken sind zudem voller Geld: China, das über ausländische Währungsreserven im Wert von über einer Billion Dollar verfügt, hat gezeigt, dass es bereit ist, die Börse in Honkong zu stützen – indem es den Festlandchinesen zum ersten Mal erlaubt hat, dort Aktien zu kaufen. Diese Entscheidung ist ein Doppelschlag: Nicht nur bietet sich den Investoren auf dem Festland so die Chance vom Wachstum der einheimischen Firmen zu profitieren. Er hilft gleichzeitig, die Börsen in Shanghai und Shenzen abzukühlen, die heiß gelaufen waren, weil sie zum letzten Ausweg für chinesischen Investoren geworden waren.

Asien ist noch immer dabei, seine Kapitalmärkte und deren Regulierung zu verbessern, aber viele der Strukturprobleme, die vor zehn Jahren existierten, sind gelöst. Gleichwohl werden sich Investoren dort so verhalten wie anderswo auch: Steigt der Stress, laufen sie weg. Ein eindrucksvolles Zeichen der heutigen Widerstandsfähigkeit ist, dass die asiatischen Börsen eine Woche lang nicht auf die Krise an den amerikanischen und englischen Börsen reagiert haben. Und seit die Fed die Zinsen gesenkt hat, erholen sich die Märkte auch wieder.

Asien ist sicher noch nicht stark genug, allein die Weltwirtschaft stabilisieren zu können, aber die sich weiter entwickelnde Region hat bewiesen, dass sie aus vergangen Fehlern gelernt hat.

Die Autorin berichtet für das „Wall Street Journal“ aus Hongkong und ist zurzeit als Arthur- F.-Burns-Stipendiatin beim Tagesspiegel.

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