POSITIONEN : Keinervonbeiden hat die Kraft

Dieser Kandidat ist unverbraucht und wird immer beliebter. Sein Aufstieg ist rasant. Mit der Kanzlerin liefert er sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Den Oppositionsführer hat er bereits hinter sich gelassen.

Dieter Thomä
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Foto: privat

Ein neuer Kandidat hat sich in den Bundestagswahlkampf eingeschaltet und findet starken Zuspruch. In einer aktuellen Umfrage hat das Institut für Demoskopie Allensbach untersucht, wem die stärkste Kompetenz zur Überwindung der Wirtschaftskrise zugetraut wird. Die Befragten sollten zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier wählen, doch sie brachten einen dritten Kandidaten ins Spiel, dessen Namen man sich merken muss. Er heißt: Keinervonbeiden“. Allensbach zufolge liefert sich Keinervonbeiden mit der Kanzlerin ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Führung bei der Wählergunst, den SPD-Spitzenkandidaten hat er bereits hinter sich gelassen. Keinervonbeiden liegt damit auch weit vor Horst Schlämmer.

Die Informationen zu den Vorzügen des neuen Kandidaten sind spärlich. Er gilt als unverbraucht. Er hat keinen Amtsmalus. Er passt in keine Schublade. Man weiß fast nichts über ihn, selbst beim Geschlecht, das Beobachter als männlich annehmen, ist man sich nicht sicher. Der rasante Aufstieg dieses dritten Kandidaten verrät also vielleicht mehr über seine Konkurrenten als über ihn selbst.

Eine Eigenart des Kandidaten müsste eigentlich befremdlich oder gar abstoßend wirken: seine Gesichtslosigkeit. Dass die Wähler daran keinen Anstoß nehmen, kann nur daran liegen, dass er mit seiner Art gar nicht aus dem Rahmen fällt. Von der Kanzlerin und ihrem Herausforderer sind die Wähler Gesichtslosigkeit offensichtlich schon gewöhnt. Also stören sie sich auch nicht an einem Kandidaten, der diese Eigenschaft auf die Spitze treibt.

Wie muss man eigentlich sein, um gesichtslos zu wirken? Man muss sich hinter dem Amt, der Rolle, dem Jargon, dem Sachzwang verschanzen, die man repräsentiert. Dann ist man ein Repräsentant ohne Präsenz, also ohne Gesicht. Tatsächlich haben sich Merkel und Steinmeier längst daran gewöhnt, ihre Individualität in die Ecke zu stellen. Am deutlichsten wird dies an der gestanzten Sprache, an die sie sich klammern wie Ertrinkende. Die Kanzlerin und ihr Herausforderer zählen zu der großen Gruppe jener „idealen Beamten“, die Max Weber im frühen 20. Jahrhundert als Heroen der „Unpersönlichkeit“ charakterisiert hat. Weil Merkel und Steinmeier im Verwalten aufgehen, wirken sie gesichtslos, und so kommt es, dass den Wählern eigentlich herzlich egal ist, ob einer von beiden oder Keinervonbeiden redet. Die Wähler begrüßen in Keinervonbeiden einen großen Unbekannten, weil ihnen das Bekannte nicht reicht. Das ist verständlich, aber bekanntlich auch gefährlich, denn damit wächst die Empfänglichkeit für Figuren, die sich anschicken, als Führer zu verführen. Man kann sich hier weiter an Max Weber halten, denn er hat gezeigt, dass die Bürokratie, das Bollwerk der Alltäglichkeit, Konkurrenz von Politikern erhält, die mit ihrem „Charisma“, mit dem Versprechen des „Außeralltäglichen“ beträchtliche Wirkung entfalten können. Es könnte also gut sein, dass Keinervonbeiden sich noch zum Charismatiker mausert.

Wäre das schlimm? Es wäre falsch, Charisma mit dem Hinweis auf falsche Führung und Verführung ganz auszumustern. Charisma ist immer dann tatsächlich erwünscht und sogar vonnöten, wenn die Zeiten im Sinne Webers „außeralltäglich“ sind – also auch heutzutage. Die Reise in die Zukunft ist keine Pauschalreise. Politiker sollten weniger in der Fähigkeit brillieren, Beruhigungsmittel (wie die Abwrackprämie) zu verteilen, als vielmehr in der Fähigkeit, heftige Veränderungen ins Werk zu setzen. Schließlich wartet die Finanzkrise nur darauf, in den Schlagzeilen von der Klimakatastrophe abgelöst zu werden.

Eines ist für Veränderungen so unergiebig ist wie der Mond für den Frühling: der Apparat, die Bürokratie. Sie ist der wahre Feind des Wandels. Die Gesichtslosigkeit von Kanzlerin und Herausforderer ist also nicht nur bedauerlich, sondern geradezu gefährlich. Sie verwalten ein Wirgefühl, das nur auf dem Papier steht. Sie sind nicht handlungsfähig, sondern funktionstüchtig. Doch wir brauchen keine Funktionäre, sondern Individuen, die anecken, aufrütteln, herausstechen. Wir sind auf Gedeih und Verderb angewiesen auf Menschen, die aus dem Alltag ausscheren, ihr Gesicht zeigen und Charisma entfalten. Dass nur Helmut Schmidt sich vom Bürokraten zum Charismatiker gewandelt hat, reicht nicht aus. Insofern kann man es den Wählern nicht übel nehmen, dass sie ihre Hoffnung an Keinervonbeiden heften.

Als man Angela Merkel auf Barack Obamas Ausstrahlung ansprach, antwortete sie: „Mit dem Charisma hab’ ich, äh, überhaupt gar keine, äh, Mühe.“

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen und ab diesem Herbst Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Zuletzt von ihm erschienen: „Väter. Eine moderne Heldengeschichte“ (Hanser Verlag).

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