POSITIONEN : Kippen aus und rauf aufs Rad

Nicht nur Deutschland, alle europäischen Staaten haben mit Problemen im Gesundheitsbereich zu kämpfen: Wachsende Ausgaben, zunehmende Volkskrankheiten, Versorgungsengpässe, demografischer Wandel und eine drohende Zwei-Klassen-Medizin.

Ulf Fink

In den letzten 30 Jahren wurde in Deutschland vieles unternommen, um unser Gesundheitswesen zukunftsfest zu machen: Zuzahlungen wurden erhöht, Ausgaben budgetiert, Leistungen ausgegrenzt, Zuschüsse reduziert, Fallpauschalen und Praxisgebühr eingeführt. Leider haben all diese Maßnahmen bis heute nicht sicherstellen können, dass die Beiträge stabil bleiben und der medizinisch-technische Fortschritt auch den kommenden Generationen, unabhängig von Einkommen und Alter, zur Verfügung gestellt werden kann.

Doch es droht weiteres Ungemach: die zunehmende Zahl chronisch verlaufender Krankheiten. Heute schon gelten rund 20 Prozent aller Bundesbürger als „chronisch krank“, das heißt sie leiden unter Hypertonie, Arteriosklerose, Diabetes, bösartigen Tumoren oder anderen Krankheiten, die einer dauerhaften Behandlung bedürfen.

Bleiben wir beim Thema Diabetes: In Deutschland sind etwa sechs Millionen Menschen von Diabetes betroffen. In einer Studie aus dem Jahr 2005 wurden die direkten Kosten der Diabetes mit 14,6 Milliarden Euro beziffert. Die zusätzlichen indirekten Kosten, also Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung, belaufen sich auf weitere 7,7 Milliarden. Der in den nächsten Jahren zu erwartende Anstieg der Betroffenenzahl auf etwa zehn Millionen Menschen lässt eine Belastung von jährlich 38 Milliarden Euro an direkten und indirekten Kosten erwarten. Andere chronische Krankheiten werden in Zukunft ebenfalls eine wachsende Rolle spielen und sich zu echten Kostentreibern entwickeln.

So muss es aber nicht kommen. Wissenschaftler sind sich einig, dass durch eine grundlegende Änderung des Lebensstils, beispielsweise durch den Verzicht auf Rauchen, eine gesündere Ernährungsweise und durch regelmäßige sportliche Betätigung die Risiken für koronare Herzkrankheiten um 80 Prozent, für Dickdarmkrebs um 70 Prozent, für Diabetes mellitus Typ 2 um 90 Prozent und für Schlaganfall um 70 Prozent gesenkt werden könnten.

Es lohnt sich, in mittel- bis langfristige Präventionsprogramme zu investieren. Das erste Beispiel liefert Finnland. Dort ist unter Beteiligung zahlreicher Einrichtungen des Gesundheitswesens, der Betriebe, Medien und der Politik Anfang der 70er Jahre ein Bündel von Maßnahmen zur Reduktion von Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf nationaler und kommunaler Ebene verwirklicht worden. Innerhalb von 25 Jahren konnte Finnland die kardiovaskuläre Mortalität so um über 60 Prozent senken.

Das zweite Beispiel ist die HIV-Aufklärungskampagne in Deutschland seit den 80er Jahren. Diese war extrem wirksam: Die Infektionsrate in Deutschland gehört heute zu den niedrigsten weltweit. Wir können von Glück sagen, dass wir in Deutschland rechtzeitig auf Prävention und Aufklärung gesetzt haben, so dass uns viel menschliches Leid im Hinblick auf die Betroffenen, aber auch der finanzielle Kollaps unseres Gesundheitswesens erspart geblieben sind.

Angesichts der sich heute abzeichnenden neuen Kostenlawinen ist ein Paradigmenwechsel notwendig: Gesunderhaltung und Krankheitsvermeidung müssen ins Zentrum einer nachhaltigen Gesundheitspolitik gerückt werden. Die Politik darf sich nicht länger damit begnügen, auf Nebenfeldern immer kurzlebigerer Finanzreformen zu agieren. Sie muss vielmehr zum Kern der Probleme vorstoßen.: Ein erster wichtiger Schritt dafür wäre die Verabschiedung eines Bundespräventionsgesetzes. Tatsächlich hat die Bundesregierung auch einen zaghaften Versuch in diese Richtung unternommen. Doch es scheint, dass der Versuch im Dickicht der Koalitionsgespräche hängen bleibt.

Unser Gesundheitssystem trägt seinen Namen zu Unrecht. Wir haben in Deutschland kein Gesundheitssystem sondern ein Krankheitsheilungssystem. Das muss sich ändern.

Der Autor ist Senator a. D. und Vorsitzender der Gesundheitsstadt e.V.

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