POSITIONEN : Klar im Willen, klar in der Sprache

Richard von Weizsäcker: Ein großer Präsident wird 90 Jahre. Er hat seinem Land und seinem Volk viel gegeben.

Hans-Dietrich Genscher

Am 15. April vollendet ein großer Präsident unseres Landes, Richard von Weizsäcker, das 90. Lebensjahr. Richard von Weizsäcker ist in besonderer Weise durch die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert geprägt. Axel von dem Bussche und Marion Gräfin Dönhoff gehörten in der Nacht des Faschismus zu seinen gleichgesinnten Freunden. Das spricht für sich. Geprägt hat ihn der Krieg und besonders der Tod des geliebten Bruders, der ein paar hundert Meter von ihm entfernt in den ersten Kriegstagen gefallen war.

Seinen politischen Weg ist Richard von Weizsäcker mit großer Zähigkeit und Entschlossenheit gegangen. Politische Niederlagen führen bei ihm nicht zur Resignation, er versteht sie als Herausforderung. Als evangelischer Christ wirkt er als Mitglied der Synode und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und als Präsident des Evangelischen Kirchentages.

1985, am 8. Mai, hält er im Deutschen Bundestag eine Rede, die überall in Deutschland aufhorchen lässt und die weltweit Beachtung findet. Mit dem Bekenntnis zur Befreiung macht er die Verantwortung jedes Deutschen bewusst. Das eröffnet den Weg in die Zukunft. In dieser Rede hat Richard von Weizsäcker die Staatsphilosophie des neuen demokratischen Staates Bundesrepublik Deutschland im Geist unseres Grundgesetzes formuliert.

Richard von Weizsäcker hat seinem Land und seinem Volk viel gegeben. Über Parteigrenzen hinweg hat er als Abgeordneter der CDU im Deutschen Bundestag Verantwortung gelebt und zum Zustandekommen der Ostverträge beigetragen. Für ihn hat das deutsch-polnische Verhältnis schicksalhafte Bedeutung. Seine Klarheit in der Grenzfrage, die er schon als Repräsentant der evangelischen Kirche und als Mitglied des Deutschen Bundestages unter Beweis stellte, hatte in den Jahren 1989 und 1990 angesichts mancher Unsicherheiten auf deutscher Seite besonderes Gewicht, gerade weil er jetzt als Staatsoberhaupt sprach und handelte.

Die deutsche Teilung empfand er schmerzlich. Ihre Folgen zu mildern und sie schließlich zu überwinden war für ihn von allergrößter Bedeutung. Bei dem Staatsbesuch in Moskau 1987 erlebte ich sein Eintreten für die deutsche Sache mit großer Dankbarkeit. „Die deutsche Frage ist offen, solange das Brandenburger Tor geschlossen ist.“ Michail Gorbatschow ließ erkennen, dass er die Frage der deutschen Einheit nicht als eine Frage des Ob, sondern als eine Frage des Wann ansah.

Als einer der ersten sprach sich von Weizsäcker schon 1990, und zwar am 29. Juni, für Berlin als Hauptstadt des vereinten Landes aus. Wieder wies er den Weg, weil er wusste, dass es sich um eine Entscheidung von historischer Dimension handelt und auch um eine von großer Bedeutung für die innere Vereinigung des Landes.

In seinen kirchlichen Funktionen hatte er sich immer wieder mit den Folgen der deutschen Teilung, mit dem Schicksal der Deutschen an der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, mit der Lage der Kirchen dort befasst. Unvergessen seine Rede in der Wittenberger Stadtkirche im September 1983. Da sprach das Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, aber natürlich wurde er von seinen Zuhörern auch als der Regierende Bürgermeister von Berlin gehört.

Sein feines Gespür für die Begegnung der Deutschen im vereinten Land ließ ihn beim Festakt am 3. Oktober 1990 so formulieren: „Sich zu vereinen, heißt teilen lernen.“ Das war die Mahnung, behutsam miteinander umzugehen. So war und so ist er. Klar im Willen, klar in der Aussprache und dennoch behutsam um Verständnis bemüht gegenüber denen, an die er sich wendet.

Es ist wahr, Richard von Weizsäcker war ein großer Präsident. Er ist und bleibt ein würdiger Repräsentant unserer demokratischen und gesellschaftlichen Kultur. Er hat der Republik mit Gesten, mit Handlungen und mit seinen Reden eine Seele gegeben. Dafür gebührt ihm Dank und zu seinem Geburtstag der Wunsch für Glück und Segen. Im deutschen Einigungsprozess war das Vertrauen und das Ansehen, das er weltweit genießt, von großer Bedeutung.

Der Autor war von 1974 bis 1992 Bundesaußenminister.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben