Meinung : Positionen: Kurzatmige erreichen selten ihr Ziel

Hans-Jochen Vogel

Seit den Anschlägen vom 11. September sind inzwischen bald zwei Monate vergangen. Aber die schrecklichen Bilder jenes Tages sind vor meinen Augen keineswegs verblasst. Unvermindert ist auch das Mitleid mit den Hinterbliebenen und den Opfern dieses barbarischen Gewaltaktes, von denen viele offenbar zu Asche verbrannt sind und deshalb nicht einmal als Leichen geborgen werden konnten. Und der Eindruck, dass sich mit jenem Tag unsere Wahrnehmung der globalen Realität, in der wir leben, entscheidend veränderte, hat sich eher noch verstärkt.

Das gilt zunächst von dem zerstörerischen Potenzial, über das ein Netz hoch professioneller Terroristen verfügt, die trotz ihres selbstmörderischen Fanatismus mit kühler Berechnung zu Werke gehen. Und die demnächst auch noch furchtbarere Vernichtungsmittel einsetzen könnten. Im gleichen Maße ist uns schlagartig bewusst geworden, wie verletzlich wir gegenüber solchen Anschlägen sind. Selbst die Supermacht USA vermochte die Symbole ihrer wirtschaftlichen und militärischen Macht nicht gegen diese Angriffe zu schützen.

Zurzeit diskutieren wir hauptsächlich über den so genannten Krieg in Afghanistan, der streng genommen völkerrechtlich gar nicht unter diesen Begriff fällt, und seit gestern vornehmlich über die deutsche Beteiligung an den dortigen Einsätzen in Ausfüllung der Bündnispflicht gegenüber den Vereinigten Staaten.

Die Einwände gegen das, was gegenwärtig in Afghanistan geschieht, sollten sorgfältig bedacht werden. Mir selbst erscheint allerdings die Anwendung militärischer Gewalt in Ermangelung anderer konkreter Optionen so lange - aber auch nur so lange und insoweit - unvermeidbar, als sie dem Ziel dient, neue Anschläge zu verhindern oder, realistischer gesagt, zu erschweren. Das wird sich ohne Bekämpfung der Stützpunkte bin Ladens und der militärischen Strukturen der Taliban, die ihm Schutz gewähren, nicht erreichen lassen.

Außerdem ist wohl auch eine durchgreifende humanitäre Hilfe für die Menschen in Afghanistan erst nach dem Ende des Taliban-Regimes möglich, das nicht allein aber ganz wesentlich für den katastrophalen Zustand verantwortlich ist, in dem sich das Land schon vor dem Beginn der militärischen Operationen befand.

Die bevorstehende Entscheidung über die deutsche Beteiligung gehört zu den folgenreichsten, die in der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik zu treffen waren. Abgesehen von der bestehenden Bündnisverpflichtung wird dabei zu bedenken sein, dass sich die terroristische Bedrohung auch gegen uns richtet. Auch darf nicht vergessen werden, was die USA zu unserer Befreiung vom NS-Gewaltregime und später zum Wiederaufstieg unseres Landes und zur deutschen Einheit beigetragen haben. Andererseits ist abzuwägen, wozu wir sinnvoller Weise im Stande sind.

Vor allem aber bedarf es einer vollständigen Information über die weiteren konkreten militärischen Absichten der USA und der Zusage, dass wir auf die Operationen den Einfluss nehmen können, der unserer Beteiligung entspricht.

Gerade mit Blick auf unsere militärische Beteiligung ist es gut und notwendig, dass sich die Bundesregierung schon jetzt intensiv an der Vorbereitung umfassender humanitärer Hilfe und an den Überlegungen über einen politischen Neuanfang nach dem Sturz der Taliban beteiligt. Was dann geschieht, wird zum Prüfstein für vieles, was bisher angekündigt wurde und auch für die Befriedigung der ganzen Region.

Die aktuelle Diskussion darf indes die Perspektive nicht verdrängen, der auf lange Sicht die entscheidende Bedeutung zukommt. Nämlich dass die Menschheit nur dann eine erträgliche Zukunft haben wird, wenn es gelingt, eine Weltfriedensordnung zu schaffen, die den Menschenrechten weltweit zur Geltung verhilft, die krass ungerechte Verteilung von Wohlstand und Macht schrittweise korrigiert und mit dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ernst macht. Einsichtige haben diese Perspektive schon vor dem 11. September vertreten. Jetzt - so hoffe ich - könnte diese Einsicht ins allgemeine Bewusstsein dringen. Ansätze für die Erkenntnis, dass man die Globalisierung nicht einfach dem ökonomischen Selbstlauf überlassen darf, sondern ihr einen globalen Rahmen geben muss, sind jedenfalls erkennbar.

Immerhin haben sich die USA klugerweise von Anfang an um eine weltweite Anti-Terror-Koalition bemüht. Zugleich haben sie sich unverzüglich an die von ihnen bislang eher distanziert behandelten Vereinten Nationen gewandt und für ihr Vorgehen Beschlüsse des Sicherheitsrates erwirkt. Beides offenbar in der Erkenntnis, dass sie allein die neuen Formen eines globalen Terrorismus nicht besiegen können. Jetzt sollte diese Einsicht, dass selbst eine Supermacht auf weltweite Kooperation angewiesen ist, auch in anderen Bereichen zu Konsequenzen führen: bei der Einrichtung eines Weltstrafgerichtshofes oder bei der Umsetzung des Kyoto-Klimaprotokolls, um nur zwei Beispiele zu nennen, bei denen sich die USA bislang verweigert haben. Die EU vor allem ist berufen, in diesem Sinne zu wirken.

Noch etwas ist jetzt dringender geworden. Nämlich der Dialog der Weltreligionen, um den sich Hans Küng schon seit langem und nicht ohne Erfolg bemüht. Ohne die Orientierung an den Grundprinzipien mitmenschlichen Umgangs, in denen die Weltreligionen übrigens stärker übereinstimmen als uns das bewusst ist, ohne das, was Küng das Weltethos nennt, wird alles Bemühen kurzatmig bleiben. Und Kurzatmige erreichen ihr Ziel nur selten.

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