POSITIONEN : Lasst die Daten frei!

Alle fürchten sich vor Ausspähung, Datenklau oder Online-Durchsuchung. Die deutsche Angst vor Bespitzelung nimmt absurde Züge an.

Burkhard Müller-Ullrich

Bis vor ein paar Jahren gab es in Schweizer Buchhandlungen merkwürdige Druckwerke zu kaufen: „Kantonale Motorfahrzeugverzeichnisse“ hießen diese Wälzer, die regelmäßig neu aufgelegt wurden. Darin standen, numerisch geordnet, alle Autokennzeichen und dahinter Name und Anschrift des jeweiligen Fahrzeughalters. Wenn nun etwa ein falsch geparkter Wagen vor dem Haus die Einfahrt blockierte, dann konnte man ganz einfach nachsehen, wem er gehörte und den Betreffenden anrufen und auffordern, da wegzufahren. Oder wenn man neugierig war, wessen Rolls- Royce vor einem fuhr, konnte man auch das ermitteln. Oder wenn man etwas über das hübsche Mädchen am Steuer jenes Coupés herausfinden wollte.

In Deutschland wäre die Veröffentlichung solcher Datensammlungen schon immer undenkbar gewesen, denn in Deutschland herrscht Datenschutz. Der deutsche Datenschutz gehört zu den strengsten auf der Welt, er ist gewissermaßen Bestandteil unseres Nationalcharakters. Nicht dass wir nicht auch neugierig wären und gerne Autonummern- und andere Verzeichnisse benutzen würden, aber erstens misstrauen wir dem Staat und zweitens unseren Mitmenschen. Bespitzelung ist ein deutsches Hobby, deshalb sind wir bei diesem Thema so alert.

Es gibt offenbar zwei Deutschlands. Das eine ist jener Überwachungsstaat, vor dem Datenschützer warnen und den kein liberal denkender Mensch akzeptieren kann. Das andere Deutschland lernt man kennen, wenn man sich auf eine Polizeiwache begibt, um eine Anzeige zu erstatten oder eine Zeugenaussage protokollieren zu lassen. Dann landet man in einer Art Zeitmaschine. Die Beamten kämpfen mit vorsintflutlichem Gerät, der Funksprechverkehr lässt sich so einfach abhören, dass er auch gleich als Radioprogramm gesendet werden könnte; und wenn ein Polizist ein Foto einer verdächtigen Person braucht, dann bekommt er es erst Stunden später von der zuständigen Meldebehörde per Fax, und zwar in Form eines schwarzen Kleckses.

Gegen die Verwendung biometrischer Angaben erhebt sich jedoch regelmäßig Warngeschrei vor Datensammlungen im Schnüffelstaat. Dabei kann die Staatsverwaltung nur funktionieren, wenn sie imstande ist, Bürger zu identifizieren. Auskunft über die Identität ist tatsächlich etwas, das jeder dem Staat schuldet. Bei allen anderen Angaben mag man mit Fug und Recht zurückhaltend sein: weder Vorlieben und Gewohnheiten noch Reisen oder Kontakte gehen die Behörden in einem Rechtsstaat etwas an, aber ein sogenannter Datenschutz, der die Identitätsprüfung erschwert, ist vom Ansatz her ein Denkfehler.

Die andere Grenzlinie wird durch das menschliche Bedürfnis nach Bequemlichkeit bestimmt. Daten sind ja nichts anderes als Boten: sie eilen uns voraus und sorgen dafür, dass sich die Waren- und Dienstleistungswelt auf eine uns ansprechende Weise präsentiert. Fensterplatz, Fischmenü und Vorgeschichte: alles wird in Profilen abgespeichert und alles kann natürlich auch gegen uns verwendet werden – insbesondere von kriminellen Lottofirmen, die auf unseren Bankkonten ein Abbuchungsfestival veranstalten.

Kontonummern sind ohnehin recht lose Datenkrümel, die man leicht aufsammeln kann. Daten liegen überhaupt massenhaft herum. Das Herumliegenlassen von brisanten Daten scheint geradezu ein Signum unserer Epoche zu werden: hier ein Laptop mit militärischen Geheimnissen im unbewachten Auto, dort eine CD mit den Sozialversicherungsnummern von halb Großbritannien.

Das Atemberaubendste daran ist die Diskrepanz zwischen der Winzigkeit der Datenträger und der Enormität der Katastrophe, die sie auslösen können. Wahrscheinlich passt inzwischen der komplette Weltuntergang auf eine Festplatte. Während die Welt endlich ist, wächst die Datenmenge grenzenlos. Vielleicht liegt darin das einzige Gegenmittel zu der Gefahr, die von den Daten ausgeht: Lasst alle Daten frei. Lasst uns in Daten waten. Eine Datensintflut möge kommen und alle Lotto-Firmen, Nummerndiebe, Kontenknacker, Passworträuber und Trojaner sollen darin ersaufen.

Der Autor ist Publizist und Mitherausgeber des Internetportals „Die Achse des Guten“.

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