POSITIONEN : Leben und leben lassen

Aktive Sterbehilfe und Selbstmord können kein Ausweg sein.

Katrin Göring-Eckardt

Bis wohin reicht mein Leben, und wo beginnt die Nacht? fragte Rainer Maria Rilke, von dem viel Düsteres, aber auch Tröstliches über das Sterben überliefert ist. In Deutschland wird dieser Tage über Menschenwürde am Ende des Lebens diskutiert. Das ist gut, denn wir müssen über Tod und Sterben reden, statt so zu tun, als ginge uns das nichts an.

Erschreckend ist der Auslöser der Debatte: Eine Rentnerin hat sich aus Angst vor dem Pflegeheim umgebracht. Tatsächlich sind immer mehr ältere Menschen allein oder werden allein gelassen. Ihre Depressionen und Lebensmüdigkeit werden verkannt oder ignoriert. Kaum ein alter Mensch wird mit Psychotherapie oder Antidepressiva behandelt, weil es scheinbar akzeptiert ist, dass Traurigkeit, Antriebsarmut, Hoffnungslosigkeit zum Alter gehören. Zu viele Ältere werden ungenügend versorgt. Zu viele Sterbende werden noch zuletzt auf die Intensivstation eingeliefert, wo ihr Leiden unnötig verlängert wird.

Keinen einzigen dieser Fälle sollte es geben. Doch es ist unerträglich, wenn Suizid oder gar aktive Sterbehilfe der Ausweg ist. Niemals können wir sagen: Wenn dir das Leben zur Last wird, dann bring dich um! Wenn jemand einen Todeswunsch formuliert, so ist doch zu fragen: Warum? Was müssen wir ändern? Was kann ich für dich tun? Das ist keine Zumutung und Einschränkung von Freiheitsrechten, sondern zutiefst menschliches Handeln.

Wir müssen dafür sorgen, dass die Angst, am Ende allein zu sein, abgeschoben zu werden und zur Last zu fallen, unbegründet ist. Was ist zu tun, damit jedem Menschen zugesagt werden kann: Du wirst zu Hause sterben können oder in einem guten Pflegeheim, du wirst betreut sein und versorgt. Deine Schmerzen werden so gering sein wie medizinisch möglich, und du wirst sterben können, wenn die Zeit gekommen ist.

Beim Menschen selbst anzusetzen, zu fragen, was er oder sie gerade will und braucht, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass menschenwürdiges Leben bis zum Schluss möglich ist. Der Mensch darf nicht zum Ding werden, verwahrt im Heim oder angeschlossen an Apparate, die bestimmen, was geht. In jeder Phase ist der Mensch ein Gegenüber, ein Individuum, dessen Leben trotz Krankheit gutes Leben sein kann. Pflege darf nicht einfach Dienstleistung sein, sondern die immer neue Frage, was gewollt wird. Wer die Lippen zusammenkneift, zeigt seinen Willen deutlich genug. Ihm kann nicht einfach eine Magensonde gelegt werden, weil es Zeit spart. Immer wieder mit Geduld und Zuwendung auf die Wünsche einzugehen, das stellt hohe Anforderungen an alle, die Schwerkranke und Sterbende begleiten. Aber das ist es, was am Ende zählt und was die Angst nimmt: dass jemand da ist und Zeit hat. Dass gemeinsam gelacht wird und geweint, geklagt und geschwiegen.

Natürlich müssen dafür die Voraussetzungen geschaffen werden. Die meisten Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben. Auch wenn das teurer sein mag, muss es organisierbar sein. Angehörige, die pflegen, benötigen Unterstützung; Pflegezeiten müssen mit dem Beruf vereinbar sein. Das Pflegepersonal benötigt mehr Zeit, um beistehen zu können, und braucht entsprechende Ausbildung. Wenn es notwendig wird, muss eine Versorgung auf der Palliativstation oder im Hospiz möglich sein. Was Palliativmedizin leisten kann, ist noch immer viel zu wenigen Patienten, Angehörigen und auch Ärzten bekannt. Eine gute Schmerztherapie ermöglicht einen weitestgehend schmerzfreien, aber bewussten Abschied aus dem Leben.

Es ist höchste Zeit. Jetzt müssen Weichen gestellt werden im Gesundheitssystem, bei der Pflege, im gesellschaftlichen Umgang mit Sterben und Tod. Bei immer mehr Hochbetagten und immer loseren familiären Netzwerken steigen die Herausforderungen. Eine solidarische und menschliche Gesellschaft aber muss sich dieser Aufgabe stellen. Beim anderen zu sein, auch im Sterben, ist der vornehmste Dienst, den Menschen einander erweisen können.

Bis die Nacht beginnt, ist Leben. Dieses Leben soll bis zuletzt Gemeinschaft sein, Zuwendung und Miteinander.

Die Autorin (Bündnis 90/ Grüne) ist Vizepräsidentin des Bundestags.

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