Meinung : Positionen: Lieber VW-Chef als Kanzler?

Norbert Seitz

Auf Michael Naumanns Abgang passt keine der gängigen Erklärungsschablonen, wonach wieder einmal ein Quereinsteiger in der Politik gescheitert sei, weil es ihm an administrativer Erfahrung, an Stehvermögen und Hausmacht, den nötigen Mitteln und der Rückendeckung des Regierungschefs gemangelt habe. Im Gegenteil, Naumann gehörte zu den wenigen in Schröders Kabinett, der professionell agierte und standing besaß. Umgekehrt drängt sich die Frage auf, ob nicht Politik und Parteien viel zu unattraktiv sind für die dauerhafte Bindung eines Seiteneinsteigers.

Trotz beachtlicher Meriten in kurzer Zeit hat es auch Michael Naumann nicht geschafft, die Zwei-Ministerjahre-Grenze zu überschreiten, wie sie bislang für alle Bundesquereinsteiger in Kanzlerkabinetten galt. Die bekanntesten Quereinsteiger waren: Hans Leussink, ein blasser Parteiloser, mit dem Willy Brandt rasch die bildungspolitischen Reformerwartungen der ersten sozialliberalen Koalition enttäuschen sollte; ein Senkrechtstarter war auch der Liberale Ralf Dahrendorf, der lange vor Möllemann über die konkrete Utopie eines liberalen Bundeskanzlers von seiner Person schwadronierte. Rita Süßmuth bekam schon bald zu hören:"Sie macht die Frauen nur unzufrieden, wenn sie ständig die Benachteiligung unterstreicht." Die langen Leiden der Lovely Rita endeten nach zwei Jahren im goldenen Käfig des zweithöchsten Staatsamtes. Ihre Nachfolgerin Ursula Lehr, eine Heidelberger Gerontologin, scheiterte in weniger als zwei Jahren exemplarisch - an der politisch administrativen Arbeit. Und Rupert Scholz, der dritte, von Kohl berufene Unilehrer, schied nach nur wenigen Monaten Amtszeit aus dem Verteidigungsministeriums aus.

Bislang haben nur wenige Regenten ihr Spiel mit einem anstößigen Seiteneinsteiger versucht. Schröder immerhin mit zweien, von denen einer, Jost Stollmann, bereits vor dem Start aufgab und der andere, Michael Naumann, nunmehr nach einigen erfolgreichen Rennen das Weite suchte. Seit die Generalsekretäre, allen voran Franz Müntefering, wegen der Überalterung ihrer Parteien Alarm schlugen, wissen wir, dass Quereinsteiger in der Politik nicht nur gefragt sind, sondern um der Zukunftsfähigkeit der Parteien willen dringend erforderlich. Sie sind nicht nur dekorativer Imagefaktor, sondern geradezu eine innovatorische Notwendigkeit. Denn die Ausbildung von Nachwuchseliten ist Besorgnis erregend ins Stocken geraten, weil die bräsigen Tanker dem Tempo des Wandels der Lebensstile nicht mehr zu folgen imstande sind.

Naumann hatte alle Fähigkeiten, aus dem Schatten der bisher nicht sehr glücklichen Serie von Quereinsteigern herauszutreten. Doch was auf hochqualifizierte Berufsanfänger zutrifft, gilt für potenzielle Politikkometen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen erst recht. Politik erscheint derzeit weder ideell, noch materiell attraktiv.

Übrigens wird Naumann im obersten ZEIT-Gremium auf einen vornehmen Herrn treffen, der früher für preußische Pflichterfüllung in öffentlichen Ämtern stand. Aber wissen wir, ob nicht selbst ein Helmut Schmidt seine Zeit als Herausgeber im Rückblick für befriedigender hält denn seine Krisenjahre auf dem Kanzlerstuhl? Auch beim derzeitigen Regenten werden für dessen zweite Amtsperiode schon jetzt Wetten angenommen: Ob er nicht nach einer trostlosen Kabinettssitzung hinschmeißen könnte, weil er lieber VW-Chef werden möchte. Die Chance seines Lebens.

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