POSITIONEN : Mehr als Kohle und Kartoffeln

Der Streit um die Schließung des Flughafens Tempelhof ist drauf und dran, die Erinnerung an einen wichtigen Jahrestag in der jüngsten Geschichte von Berlin zu verdunkeln. Warum wir uns an Tempelhof erinnern sollen – auch bei einer Schließung.

Ein Kommentar von Helmut Trotnow

Vor fast genau 60 Jahren, am 26. Juni 1948, landete in Tempelhof das erste Flugzeug der US Air Force mit Versorgungsgütern für die Berliner Bevölkerung. Es war der Beginn der Berliner Luftbrücke, die zum entscheidenden Wendepunkt in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts werden sollte: Mehr als zwei Millionen Menschen aus der Luft zu versorgen, schien damals schlicht unmöglich. Hinzu kam, dass die Menschen in den USA, Großbritannien und Frankreich vor der Frage standen, warum sie drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Deutschen helfen sollten? Hatten nicht die Nationalsozialisten im deutschen Namen der Welt einen grausamen Krieg aufgezwungen? Die Zerstörungen nicht nur in Berlin und Deutschland sondern auch in weiten Teilen Europas waren grenzenlos. Von der Sowjetunion ganz zu schweigen. Die kommunistische Siegermacht wollte denn auch die Zukunft allein auf der Basis ihrer kommunistischen Ideologie gestalten und setzte auf militärische Stärke. Nach Kriegsende blieben fast eine Million sowjetischer Soldaten in Ost- und Mitteleuropa.

Die USA hatten sich seit 1941 am Krieg in Europa beteiligt, um die nationalsozialistische Diktatur zu beseitigen. Freiheit und Demokratie wurden die Orientierungspunkte ihrer Besatzungspolitik. Der Konflikt mit dem ehemaligen Verbündeten war damit programmiert. Die Berliner ergriffen frühzeitig Partei. Als die westlichen Truppen im Juli 1945 einmarschierten, gingen sie massenweise in den Westteil der Stadt. Die Blockade traf die Westmächte unvorbereitet. Berlin lag mitten in der sowjetischen Besatzungszone und lebte von der Versorgung aus dem Umland. Es bedurfte harter innerer Kämpfe, bis die Westmächte unter Führung der USA die Herausforderung annahmen und ihre Position in Berlin verteidigten. Ein kriegerischer Konflikt war dabei nicht auszuschließen. Hätten sie es nicht getan, der Glaube an die Ideale von Freiheit und Demokratie wäre auf lange Zeit verloren gegangen.

Der Berliner Blick auf die Luftbrücke war schon immer eng und konzentrierte sich auf Kohle und Kartoffeln. Die globale Anstrengung, die sich hinter der Luftbrücke verbarg, blieb den meisten verborgen: Maschinen und Menschen kamen aus Hawai und Alaska, aus Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland. Ähnliches gilt für die Versorgungsgüter. Darüber hinaus aber wurden die Feinde des Krieges zu Freunden im Frieden. Im Geschichtsunterricht der DDR existierte die Luftbrücke nicht. Doch auch auf ehemals westlicher Seite muss einiges korrigiert werden: Die Luftbrücke war nicht nur eine amerikanische Angelegenheit. In Großbritannien wurde die Lebensmittelrationierung eingeführt, um Berlin zu helfen und die Royal Air Force brachte den lebenswichtigen Treibstoff in die Stadt. Ohne französische Zustimmung hätte es Tegel nicht gegeben. Und schließlich ist da noch der Steuerzahler in den USA und Großbritannien zu nennen, der die immensen Kosten deckte. Wer hätte damals das deutsche Wirtschaftswunder voraussagen wollen?

Zurück zu Tempelhof: Der Streit um die Schließung des Flughafens ist eine politische Angelegenheit, die nur bedingt etwas mit der historischen Bedeutung des Ortes zu tun hat. Die Zukunft der Stadt kann nicht allein von historischen Überlegungen bestimmt werden. Dies sollte uns jedoch nicht davon abhalten, die historische Erinnerung mit Leben zu erfüllen.

Der Autor ist Leiter des Alliierten-Museums in Berlin.

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