POSITIONEN : Menschenrechte auf schiefer Ebene

Mit der UN-Behindertenkonvention soll aus Idealen Realität werden. Mehr als acht Millionen Betroffene in Deutschland verlangen die volle Partizipation.

Keyvan Dahesch
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Foto: privat

Barrierefreiheit, Bildung und Arbeit: Das sind nicht länger nur Ideale, die nie verwirklicht werden. Sondern es sind zentrale Forderungen der UN-Konvention über den Schutz und die Förderung der Menschenrechte behinderter Menschen. Damit haben erstmals die nach UN-Angaben 650 Millionen Kinder, Frauen und Männer mit Behinderungen in der Welt, über acht Millionen davon in Deutschland, einklagbare Rechte.

Vor allem in den deutschsprachigen Ländern, wo sich die Regierungen im Umgang mit behinderten Menschen wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert haben, fordern die Betroffenen die Umsetzung der Konvention. Mit 500 Aktionen allein in Deutschland verlangten gehandicapte Menschen und ihre Selbsthilfeorganisationen seit März 2009 von den Behörden, der Politik und Wirtschaft die zügige Einlösung der Versprechen. „Unsere Kinder dürfen nicht mehr gleich nach dem Kindergarten in Sonderschulen abgeschoben werden“, sagen die Eltern behinderter Kinder. Gemeinsames Aufwachsen aller Kinder lässt Vorurteile erst gar nicht entstehen. Kinder mit und ohne Behinderung lernen einander zu schätzen, gleichen gegenseitig ihre Schwächen aus und profitieren von ihren unterschiedlichen Fähigkeiten.

Barrierefreiheit nützt ebenfalls allen Menschen: Bahnen und Busse mit ebenerdigem Ein- und Ausstieg ermöglicht auch Eltern mit Kinderwagen, den Menschen mit Krücken, im Rollstuhl oder Gehwagen problemlos die Benutzung. Zudem ist die Unfallgefahr erheblich geringer. Das gilt auch dort, wo Stufen durch eine schiefe Ebene ersetzt werden.

Hör- und/oder fühlbar vibrierende Ampelanlagen und mit der Stockspitze erkennbare Leitstreifen an Haltestellen und Straßenübergängen erleichtern blinden oder stark sehbehinderten Menschen das Alleingehen außerhalb der Wohnung. Für Telefone, Haus- und Elektrogeräte, die mit einem eingebauten kleinen Sprachchip ihre vielfältigen Funktionen auch sprechen, sind neben den Menschen mit Sehproblemen auch jene dankbar, die mit den kompliziert formulierten Bedienungsanleitungen kaum noch zurechtkommen. Die Verwendung einfacher Formulierungen statt kaum verständlichen Bürokraten-Kauderwelsch soll das Leben der Menschen mit Lernschwierigkeiten erleichtern. Mit Recht wehren sich diese Frauen und Männer gegen die Bezeichnung „geistig behindert“. Da in der Konvention die Gebärdensprache offiziell als Kommunikationsmittel gehörloser Menschen anerkannt ist, verlangen Kinder, Frauen und Männer mit diesem Handicap das Untertiteln der Fernsehbeiträge mit der Gebärdensprache.

Die Beseitigung dieser und anderer Barrieren soll das vorurteilsfreie Zusammenleben aller erreichen. Der Traum von einem selbstbestimmten Leben und der Teilhabe an Arbeit, Beruf und Gesellschaft, allesamt auch als weitere zentrale Ziele in der UN-Behindertenkonvention vorgeschrieben, könnte bald wahr werden. Weil Appelle und Kämpfe auf nationaler Ebene nur in wenigen Ländern erfolgreich waren, haben die gehandicapten Menschen und ihre Selbsthilfeorganisationen in den Vereinten Nationen über sechs Jahre um eine eigene völkerrechtlich bindende Übereinkunft gekämpft. Die nun in den meisten Staaten Europas schon in Kraft getretene UN-Behindertenkonvention hat die Erfolgsaussichten der seit 1990 jährlich um den 5. Mai, dem Gründungstag des Europarates, immer größer gewordenen Protestaktionen behinderter Menschen zur Verwirklichung aller Menschen und Bürgerrechte auch für sie stark erhöht.

In Deutschland haben die Aktionen zwei Erfolge gezeitigt: Das Land Baden-Württemberg, das bislang die Sonderschulen mit Klauen und Zähnen verteidigte, hat die Sonderschulpflicht aufgehoben. Und der Bundestag hat mit der Änderung des Sozialhilferechts den schwer behinderten Menschen ermöglicht, ihre Assistenz-Pflegekräfte auch beim Krankenhausaufenthalt mitzunehmen.

Der Autor, von Geburt an blind, ist freier Journalist.

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