Meinung : Positionen: Mühen der Ebene

Rolf Schwanitz

Den Gepflogenheiten unserer Zeit entspricht es, dass nur die schrillen Töne gehört und nur die grellen Farben gesehen werden. Die Frage muss erlaubt sein, ob der Hang zum Extremen wirklich hilfreich ist.

Als im ersten Halbjahr 2001 diskutiert wurde, ob der Osten auf der Kippe stehe oder nicht, sah ich ausländische Beobachter meist nur staunend den Kopf schütteln. Ihnen erschien diese deutsch-deutsche Nabelschau wie ein Stück aus dem Tollhaus. Da brechen die ehemaligen RGW-Staaten auf, die Jahrzehnte von Dirigismus und Abschottung zu überwinden. Die Ostdeutschen bekommen dazu sogar umfangreiche zusätzliche Starthilfen von nationaler und europäischer Seite. Deren Erfolge sind für jeden offensichtlich. Dennoch diskutieren sie mit Inbrunst, ob nicht alles gescheitert sei, weil es nach zehn Jahren noch nicht so ist, wie nach 45-jähriger Entwicklung im Westen. Polen, Ungarn oder Tschechen war diese einspurige Debatte kaum zu vermitteln. Dort empfindet man die Ostdeutschen schon längst als Gewinner der Geschichte.

Die Realität hat sich von diesem politischen Masochismus wenig beeindrucken lassen. BMW geht nach Leipzig. Nicht aus Mitleid und weil viele (nicht zuletzt die Bundesregierung) gedrängt haben, sondern weil aus Sicht des Konzerns im Raum Halle/Leipzig die besten Produktions- und Geschäftsbedingungen zu erwarten sind. Dazu gehört zum Beispiel die hervorragende Infrastruktur.

Auch die Bundesregierung hat dem Osten nicht gerade einen Nachruf geschrieben. Im Gegenteil: Wir haben den Solidarpakt II für die Jahre nach 2004 verabredet, der genauso viel Hilfe mobilisiert, wie der Solidarpakt I Anfang der 90er. Das schafft finanziell Planungssicherheit für den Osten bis zum Jahr 2019. Darüber hinaus schafft es die Gewissheit, dass der Aufbau Ost weiter eine Aufgabe aller Deutschen ist. Mit den EU-Hilfen, die noch oben draufgelegt werden, kann der - wie es so nüchtern im Gesetzestext heißt - "teilungsbedingte Nachholbedarf" abgearbeitet werden. Das aber - da sollten wir ehrlich zu uns selbst sein - ist die Aufgabe einer Generation. Diese Aufgabe wurde solidarisch geschultert und dauert eben über einen Zeitraum von dann 30 Jahren.

Ich finde, wir sollten endlich mehr die Chancen sehen und nutzen anstatt einen Großteil der Energie darauf zu verwenden, nach dem Haar in der Suppe zu suchen. Dazu müssen alle, die öffentlich diskutieren, bereit sein, auf Zwischentöne zu hören. Für andere Nationen wäre so etwas wie der neue Solidarpakt oder die Entscheidung von BMW Anlass zu Euphorie und nationalem Aufbruch.

Wir Deutschen tun uns da schwer. Die Einstellung, alle Lösungen müssten gleich perfekt sein, gepaart mit einem weit verbreiteten Skeptizismus, gehört hier zu lande zum guten Ton des aufgeklärten Staatsbürgers. Deshalb haben es Generationsaufgaben schwer, als solche betrachtet zu werden.

Kritische Ungeduld ist legitim und kann auch ein Motor sein. Dennoch sollten wir einmal innehalten und die bisherige Wahrnehmung hinterfragen. Wir müssten dann bereit sein, Entwicklungen zwischen perfekt und katastrophal in unserer Wahrnehmung zuzulassen.

Denn es gibt einen Platz zwischen Spaß und Ärger, und der ist im Leben der Normalfall. Über den zu reden und zu schreiben, ist eher unspektakulär. Das Interesse dafür zu binden ist schwerer. Trotzdem ist es wichtig, gerade für diejenigen, welche die Leistungen alltäglich erbringen und die Mühsal der Ebene schultern.

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