POSITIONEN : Muff unterm Mao-Anzug

40 Jahre ist sie her, die Revolte von 1968. Den Mief zu verjagen, mag ein naheliegendes Anliegen gewesen seien. Die Diktaturen vor ihrer Nase sahen die 68er allerdings bewußt nicht.

Uwe Lehmann-Brauns

Das 68er-Jubiläum ist da. 40 Jahre ist es her, und noch immer streiten sich die „Gelehrten“ über die Legitimität jener Bewegung. Soll man gratulieren? Einige Anmerkungen. Sympathisch und nachvollziehbar, dass es manchen von ihnen in ihrer schwäbischen Heimat oder sonst wo in Westdeutschland zu eng wurde. In der Tat – auch anderswo lag auf den späten 50er und 60er Jahren eine unechte, bedrückende Autoritätsgläubigkeit, auch in Berlin. Etwa auf der heute exzellenten, damals verkrusteten Ordinarienuniversität der Freien Universität. Diesen Mief als solchen zu empfinden und zu verjagen – ein nahe liegendes Anliegen, Jüngerer zumal!

Weshalb dieser Impuls allerdings zur gewaltsamen Bekämpfung der verhältnismäßig jungen parlamentarischen Demokratie in Deutschland, zur Befürwortung von Rätesystemen, Marx’schem Kapital, zu Antiamerikanismus und Kaufhausbränden führen musste, bleibt rational unerklärbar. Und-oder: Weshalb die 68er-Bewegung im damaligen Westberlin zu Tausenden über den Kurfürstendamm hüpfte mit dem Slogan: „Amis raus aus Westberlin“ bedarf angesichts der am seidenen Faden der USA hängenden Halbstadt noch immer der Rechtfertigung. Heute will mancher das nicht mehr wahrhaben, hält sein damaliges Revoluzzertum unter Bedingungen des Rechts- und Sozialstaats für unrealistisch.

Zu Deutsch: Unter den damaligen Bedingungen war Revolution chancenlos, das hätte man wissen können oder müssen. Aber eine Distanzierung von Revolution und gewaltsamen Umsturz ist das ebenso wenig wie ein alternativloses Ja zu Rechts- und Sozialstaat. Gern werden auch Prügelszenen mit mehr oder minder wehrlosen Polizeibeamten, damals „Bullenklatschen“ gerufen, relativiert oder ausgeblendet.

Zum Thema Ost-West-Spaltung schwiegen sie. Ungarn und Polen 1956, Mauerbau 1961, Einmarsch des Sowjetblocks in die CSSR 1968, Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion, Mauerfall, Befreiung Mittel- und Osteuropas ließen sie links liegen, ließen sie kalt. Dieses Weltschicksal wurde von ihnen nicht in den „Internationalismus“ verortet, den sie vor sich hertrugen. So akribisch sie die Manipulationen der sie umgebenden Politik westlich der Elbe entlarvten, so indolent und pragmatisch wegschauend verhielten sie sich gegenüber den Diktaturen vor ihrer Nase in Mittel- und Osteuropa. Diese Ausblendung relativiert ihren progressiven Anspruch zum Vorwand für eine anfangs befreiende, später krude Ideologie. Ob Verinnerlichung oder Maskierung eines Bedarfs an politischer Sofortbefriedigung: Politische Moral war darin nicht vorgesehen. Die Bewegung trug immer weniger Befreiendes, Reformierendes mit sich, gab sich zunehmend höhnisch, herablassend, einschüchternd.

Wem das alles zu kritisch vorkommt, dem sei zugegeben: Ob sie es am Ende noch wollte oder bald nicht mehr – die 68er-Bewegung zwang die schläfrig gewordene Gesellschaft im Westen über sich selbst und dritte Wege nachzudenken, sich der eigenen politischen Werte nicht nur in Sonntagsreden bewusst zu werden. Heraus sprangen dabei eine erstaunliche Politisierung der Jugend, ein Schub für die Emanzipation der Frauen, die radikale Distanzierung von der Nazidiktatur und die Entlarvung von Arroganz der Mächtigen. Das ist eine ganze Menge. Aber auch ein wohlmeinender Blick in Hunderte ihrer Flugschriften, Periodika oder Aufrufe kann nicht übersehen, dass sie bald ausnahmslos im Namen des Sozialismus und/oder Internationalismus zum Sturz der Demokratie aufriefen und ihn zu praktizieren versuchten. Das wird ihre Liebhaber wenig stören, gehört aber in das Bild, wer immer es sich 40 Jahre danach von dieser Bewegung machen will.

Der Autor ist Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses und CDU-Mitglied.

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