POSITIONEN : Multikulti ist gescheitert

Multikulturalismus stellte nicht die Anpassungsleistungen in den Vordergrund, sondern die Bewahrung der Herkunftsidentitäten. Wohin es führt, wenn Andersartigkeit verklärt wird.

Stefan Luft

Der Multikulturalismus gehört zu jenen plakativen Konzepten, die wegen ihrer Unbestimmtheit den Vorteil bieten, gegen jede Kritik immun zu sein. Alles kann mit der Begründung zurückgewiesen werden, dieser oder jener Aspekt sei ja nie Gegenstand des Konzeptes gewesen und im Übrigen habe es ein dezidiertes Konzept ja nie gegeben.

Reduziert man den Multikulturalismus nicht auf die Beschreibung einer Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher ethnischer oder religiöser Herkunft zusammenleben, dann stehen gruppenbezogene Merkmale im Fokus: Herkunft, Kultur, Identität. Es geht um eine „Politik der Anerkennung“ (Charles Taylor) und das Recht auf die Bewahrung kultureller Identitäten. Kulturell verschiedene Gruppen sollen das Recht haben, nebeneinander gleichberechtigt zu bestehen. Doch die meisten Länder, die den Multikulturalismus in den 70er und 80er Jahren zur Staatsdoktrin erhoben haben, stehen vor den Scherben einer Politik, die die Gräben vertiefte.

Weil sie nicht auf die Gemeinsamkeiten setzte, sondern auf die Andersartigkeit, weil sie nicht die unverzichtbaren Anpassungsleistungen von Zuwanderern ins Zentrum stellte, sondern die Bewahrung von Herkunftsidentitäten. Das musste im Desaster enden. Dort, wo soziale Marginalisierung und ethnisch-kulturelles Selbstbewusstsein im Aufnahmeland zusammenkommen, werden das Konfliktpotenzial moderner Gesellschaften sowie Tendenzen zur ethnisch-sozialen Abschottung durch den Multikulturalismus verschärft – Großbritannien und die Niederlande sind Beispiele.

Das Problem der politischen Bilanz des Multikulturalismus liegt nicht in einer falschen oder unzureichenden Umsetzung der damit verbundenen politischen Vorstellungen, sondern im Konzept selbst. Die „Konstruktionsfehler“ liegen unter anderem begründet in der Orientierung an der „kulturellen Identität“ der Zuwanderergruppen und in der Idealisierung und Romantisierung der Herkunftskultur. Der Multikulturalismus legt Zuwanderergruppen auf eine Identität fest. Er unterstellt, Identitäten seien unwandelbare Gehäuse, aus denen sich Zuwanderer nicht befreien könnten. So verstanden bestimmt die Herkunftskultur menschliches Handeln so weit, dass einzelne Gerichte Tätern türkisch/arabischer Herkunft mildernde Umstände aufgrund ihrer Einbindung in die Herkunftskultur zubilligen. Dabei wird verkannt, dass Zuwanderer neue Identitäten entwickeln (müssen).

Der Multikulturalismus ist eine Schöpfung akademischer Mittelschichten. Wenn sie von Multikulturalität reden, meinen sie die Vielfalt der gehobenen Gastronomie, die gesteigerten Möglichkeiten sinnlicher Genüsse, das „Exotische“, das sie damit verbinden. Für sie sind die Gewaltausbrüche junger Intensivtäter „Einzelfälle“ – die Reflexionselite nutzt die Stadt als „Gabentisch“, sie meidet die Nachbarschaft oder gar das schulische Zusammenleben mit den zugewanderten Unterschichten.

Die ethnisch-sozialen Unterschichtenkonzentrationen in vielen Großstädten wurden ignoriert oder verklärt. In der Wirklichkeit besteht allerdings für viele zugewanderte Jugendliche in den ethnischen Kolonien nicht das Problem darin, dass sie ihre „kulturelle Identität“ nicht ausreichend entwickeln könnten, sondern dass sie sich nicht in Bildungssystem und Arbeitsmarkt der Aufnahmegesellschaft integrieren können und außen vor bleiben – eine dauerhafte Perspektivlosigkeit ist das Problem. Wer sich erfolgreich in eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft integrieren will, muss erhebliche Anpassungsleistungen erbringen und kommt nicht umhin, seine „Herkunftsidentität“ in wesentlichen Teilen abzulegen: Dazu gehören das Erlernen der Sprache des Aufnahmelandes, die Akzeptanz des staatlichen Gewaltmonopols, der Rechtsnormen, auch wenn sie den Ehrvorstellungen der Herkunftsregion widersprechen.

Daran wurde zu lange vorbeigeredet. Deshalb steht der Multikulturalismus einer erfolgreichen Integration im Weg. Es wird Zeit, dass wir ihn als historischen Irrtum zu den Akten legen.

Der Autor ist Politikwissenschaftler an der Universität Bremen. Von ihm stammt das Buch „Abschied von Multikulti. Wege aus der Integrationskrise“.

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