Meinung : Positionen: Muslime als Verteidiger des westlichen Modells

Nathan Glazer

Wie soll man reagieren, wenn die Täter tot sind und jene, die noch leben, nichts sagen oder nicht greifbar sind? Falls die USA Ziele in Afghanistan bombardieren, heißt das nicht, dass sie damit erfolgreicher sein werden als in der Vergangenheit. Es gibt auch keinen Grund, anzunehmen, Osama bin Laden sei der einzige Kopf und Geldgeber des muslimisch-arabischen Terrorismus. Spanien kann den baskischen Terrorismus nicht beenden, der von einem kleinen Gebiet mit kleiner Bevölkerungszahl ausgeht. Großbritannien wird mit dem Terror der irischen Separatisten nicht fertig, der seine Basis in einer Bevölkerung von anderthalb Millionen hat. Wie soll man da den arabischen und muslimischen Terror ausrotten, der seine militanten Anhänger unter Millionen Menschen in zwei Dutzend Ländern rekrutieren kann?

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Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern Wer unsere Gesellschaft schädigen will, hat es leicht. Deshalb muss unsere Verteidigung teurer, verlässlicher, phantasievoller werden. Zweimal haben Bomben Londons Finanzzentrum verwüstet - mit weniger Opfern als in New York. Die irischen Terroristen waren rücksichtsvoll genug, vorher anzurufen. Wer damals in London lebte, wusste, dass er kein Kaufhaus betreten kann, ohne durchsucht zu werden, und dass jede öffentliche Versammlung vor Terrorangriffen geschützt werden musste. Ähnliche Abwehrmaßnahmen gibt es in Israel. Dem werden auch wir nicht entgehen. Es gibt kein Mittel, die Ursachen und die Netzwerke dieses Terrorismus schnell zu beseitigen. Sie haben ihre Wurzeln im Niedergang der arabischen Welt und der imperialistischen Ausdehnung der westlichen Staaten in die geschwächte muslimische Welt hinein. Das führte zu hartnäckigen Vorurteilen und Wut gegen den Westen, voran gegen seine Führungsnation, die USA. Diese Vorgeschichte können wir nicht ändern.

Aber wir können die muslimische Welt effektiver in unsere Verteidigung einbinden. Es gibt Millionen arabische und muslimische Einwanderer in den USA. Der Westen bietet ihnen Chancen, die es in ihrer Heimat nicht gab. Es ist nur fair, wenn sie im Kampf gegen Terror helfen. Westliche Agenten können die muslimischen Terrorgruppen nicht infiltrieren. Wir werden Muslime für unsere Aufklärungs- und Polizeikräfte rekrutieren müssen.

Muslimische Religionsführer sagen, der Islam erlaube weder die grausame Vernichtung menschlichen Lebens noch den Selbstmord. Sie sollten ihre Führungsrolle wahrnehmen und sich gegen alle wenden, die zu Selbstmordattentaten ermutigen - und gegen die Rhetorik des Pseudo-Märtyrertums. Wir haben das Recht, von muslimischen Intellektuellen zu verlangen, dass sie überall die Terrorakte verurteilen, auch in der muslimischen Welt (soweit sie das ohne Lebensgefahr können).

Manche westliche Intellektuelle deuten die Ursachen auf eine Weise, in der Täter und Opfer gleichermaßen Schuld auf sich geladen haben. Noam Chomsky wird mit der Aussage zitiert, der 11. September sei "eine Gräueltat, die eine Antwort ist auf amerikanische Gräueltaten". Susan Sontag schrieb in der FAZ unter Verweis auf US-Luftangriffe im Irak, der Angriff auf New York sei eine "Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten". Ich denke, das ist falsch. Man muss unterscheiden. Wenn sie US-Interventionen zu Gunsten der Verteidigung demokratischer Gesellschaften als Ganzes, der Menschenrechte, der Bürgerrechte meinen, wie ich vermute, wie können sie dann so kühl reagieren, wenn als Antwort darauf Passagierflugzeuge gekidnappt und in Bürogebäude geflogen werden? Solche scheinbaren Parallelisierungen sind bedenklich.

Natürlich hat Amerikas Politik Folgen: die Unterstützung Israels, der Krieg gegen Irak zur Befreiung Kuwaits, die Überwachung der Flugverbotszone, die Sanktionen gegen Iran, Irak, Afghanistan, die Luftangriffe auf Serbien zum Schutz der Kosovaren ... Wir können über jede dieser Maßnahmen streiten. Ich verteidige auch nicht jede US-Politik - kein Amerikaner würde das. Bis zum 11. September war vermutlich die Hälfte der Amerikaner gegen große Teile der Verteidigungs-, Militär- und Außenpolitik der Bush-Regierung.

Es ist aber eine völlig andere Sache - und das ignorieren Sontag und Chomsky bei ihrer gleichmäßigen Schuldverteilung -, wenn die USA und ihre Verbündeten jetzt ihre Lebensweise insgesamt verteidigen müssen; zu der Art, wie wir leben wollen, gehören Demokratie, Schutz bürgerlicher Freiheiten und der Menschenrechte, die Gleichheit, die Wertschätzung von Rationalität und Wissenschaft.

Auch wenn unsere Freiheit nicht absolut und unsere Demokratie nicht ohne Tadel ist: Wer jene, die Passagierflugzeuge als Raketen missbrauchen und zweifellos zu noch Schlimmerem bereit sind, auf eine Ebene stellt mit den demokratisch gewählten Führern einer Nation, die einen langen Kampf gegen diese Terroristen führen muss - der begeht Verrat an der Aufgabe der Intellektuellen.

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